Wir wollen die andere Seite von Afghanistan aufzeigen
Kategorien: Menschen
Tags: ADRA, Afghanistan, Interview, Menschen, Reise, Sport, Website
Im Jahr 2003 wurde Fritz Neuberg von ADRA Deutschland als Projekt Manager nach Afghanistan entsandt. Es war das erste Mal, dass er im Ausland tätig war. So war es ein ganz besonderer Reiz, aber auch eine neue Herausforderung für ihn, in Afghanistan unter ganz anderen Voraussetzungen zu arbeiten, als in Europa. Seit dieser Zeit hat Afghanistan, besonders seine Menschen, eine besondere Bedeutung für ihn. Im Interview erzählt er, was er in Afghanistan erlebt hat.

Herr Neuberg, wie haben Sie Ihren Aufenthalt in Afghanistan erlebt? Was war das Besondere an diesem Land für Sie?
Das erste besondere Erlebnis fand drei Tage nach meiner Ankunft statt. Ich saß am Abend mit einem Kollegen im Garten unseres Compounds, es war angenehm mild und wir plauderten über seine Erfahrungen in Afghanistan. Plötzlich gab es eine Explosion. Wir wussten sofort, dass die Detonation nicht in der Nähe stattgefunden hatte, aber dem Explosionsgeräusch nach wußten wir, dass es eine sehr heftige Explosion gewesen sein musste.
Am nächsten Tag erfuhren wir, dass eine Granate im Camp Warehouse, dem Lager der ISAF-Truppen in Kabul eingeschlagen war. Zum Glück in einem Container, der die Wucht der Explosion milderte. Denn nur wenige Meter entfernt waren Zelte der Soldaten.
Aber dieses Erlebnis ist schnell verblasst. Ein weiteres besonderes Ereignis war für mich der Besuch des Buzkashi (persisch “بزکشی”, buz “Ziege” + kashi “herausnehmen” = Ziege greifen), einem traditionellen afghanischen Reiterspiel. Dabei versuchen mehrere Reiter eine tote Ziege oder ein totes Kalb zu ergreifen, das am Boden liegt und in einen markierten Kreis zu schleppen. Das ist ein alter afghanischer Volkssport und es war ebenso ein Erlebnis, den alten Chef der Buzkashi aus der Zeit des Königs noch persönlich zu begegnen.
Es gibt darüber hinaus noch viele andere, besondere Erlebnisse, die Fahrt über den Salang-Pass, die Reise nach Tai-Kunak, der Besuch in einem Kinderheim usw. Das Besondere an diesem Land waren für mich aber immer die Geschichte Afghanistans und seine Menschen. In vielen Gesprächen habe ich die Menschen sehr schätzen gelernt. Denn sie mussten sich immer wieder gegen Einflüsse von außen verteidigen. Trotzdem wurde der Krieg in ihr Land getragen.
Frau Meissner beschreibt in ihrem Buch “das andere Afghanistan”. Welche Missverständnisse existieren Ihrer Meinung nach über dieses Land?
Die Berichterstattung über Afghanistan wird in vielen Fällen stark schwarz-weiß karikiert und das Land als einer der Brutherde für den internationalen Terrorismus bezeichnet. Leider stammen viele Berichte von so genannten “embedded” Journalisten, d.h. zivilen Kriegsberichterstattern, die im Krieg einer kämpfenden Militäreinheit zugewiesen sind. Deshalb hat das Buch von Frau Meissner eine besondere Bedeutung, weil sie in den letzten 18 Jahren die Menschen und ihre Geschichte in den verschiedensten Facetten kennengelernt hat. Sie kennt eben das wahre Afghanistan. Aus meinen Erlebnissen kann ich ihre Beschreibungen nur bestätigen.
Das erste große Missverständnis ist meiner Meinung nach die Auffassung, dass Afghanistan als eine der Quellen des Terrorismus bezeichnet wird. Dabei wird übersehen, dass die meisten Taliban aus dem Ausland stammen. Finanziert und unterstützt werden die Taliban vor allem von zwei Staaten, einem arabischen und einem asiatischen, die ihre Fundamentalisten dort praktisch “abgeben”, um so auch Ruhe in den eigenen Reihen zu haben. Die meisten Afghanen lehnen den Terrorismus ab.
Das zweite große Missverständnis ist die Verkürzung auf “Afghanistan = Drogen, Warlords, Unterdrückung der Frauen, Krieg”. Ohne bestehende Probleme bagatellisieren zu wollen: Viele der Probleme sind eine Folge von 30 Jahren Krieg. Afghanistan braucht seine Zeit, um wieder zur Ruhe zu kommen und soziale und politische Normalität herzustellen. Die Menschen haben unendlich gelitten, sind traumatisiert – über Generationen hinweg – sie haben Schreckliches erlebt und wir können nicht erwarten, dass sie in ein paar Wochen diese 30 Jahre aufgearbeitet haben. Vor allem die Rolle der Frau hat durch diese 30 Jahre Krieg enorm gelitten.
Auf der anderen Seite sind Afghanen ehrliche, aufrichtige Menschen, die ihr Land lieben und in Frieden leben wollen. Afghanistan bedeutet Musik, Kultur, Sport (es gibt z.B. ein Frauenbasketball-Team), Feste feiern, Freunde einladen, spielen u.v.m. Es sind Menschen wie du und ich, die sich eine bessere Zukunft wünschen und sie auch verdienen. Diese andere Seite, die bedeutsamere und wichtigere, wollen wir nicht zuletzt hier im Online-Magazin aufzeigen.
Wie kann den Menschen in Afghanistan sinnvoll geholfen werden?
Man darf nicht vergessen, dass Afghanistan nach den oben erwähnten 30 Jahren Krieg auf allen Ebenen absolut am Boden liegt: Wirtschaftlich, sozial, bildungsmäßig. Viele Strukturen eines funktionierenden Staates wurden zerstört, das Land wurde ruiniert. Deshalb benötigt Afghanistan jede nur mögliche Hilfe.
Den Menschen ist vor allem ein geregeltes Einkommen, medizinische Versorgung und Bildung für ihre Kinder wichtig. Hier spielen Hilfsorganisationen eine enorm wichtige Rolle, weil sie sowohl die Professionalität als auch die soziale und kulturelle Kompetenz mitbringen, um effektive Hilfe umzusetzen. Wenn Afghanen diese drei Grundelemente – Einkommen, medizinische Versorgung, Bildung – umgesetzt sehen, ist ein wichtiges Fundament für eine friedliche und positive Entwicklung gelegt.
Ein weiteres wichtiges Element muss die politische Stabilität der Region sein. Leider bewirken die Amerikaner oft das Gegenteil davon, die Doppelmoral ihrer Politik frustriert sowohl die Afghanen wie auch die Europäer. Deshalb hat Deutschland in Afghanistan eine hohe Reputation, weil Afghanen das Empfinden haben, dass sie als Partner gesehen werden und durch Wissensvermittlung und kulturell angepasstes Auftreten eine Vertrauensbasis geschaffen wird. Auch die deutsche Bundeswehr trägt dazu bei, weil sie nicht in “Rambo-Manier auftritt, sondern als stabilisierender und befriedender Partner – trotz aller Anschläge – auftritt. Leider gibt es gerade in Bezug auf die Bundeswehr eine Menge Ferndiagnosen, ohne dass die Kritiker jemals im Land waren, geschweige denn sich mit der Situation in Afghanistan auskennen.
Aus welchem Grunde geht ADRA mit einem Online-Magazin über Afghanistan an die Öffentlichkeit?
Wie oben beschrieben, wird Afghanistan noch immer auf die Formel “Afghanistan = Drogen, Warlords, Unterdrückung der Frauen, Krieg” verkürzt. Schnell kommt dann die Frage auf, ob es überhaupt Sinn macht, in dieses Land zu investieren. Es wird übersehen, wie viel Positives bisher geleistet wurde und wie sinnvoll die Investition in Afghanistan ist.

Mit diesem Online-Magazin wollen wir einen Beitrag leisten, um auf “das andere Afghanistan” hinzuweisen und auch die positiven und entwicklungsfähigen Aspekte des Landes und seiner Menschen darstellen. Wir wollen Afghanistan zeigen, wie es wirklich ist – ohne zu beschönigen – und auch zeigen, wie es sein könnte, wenn wir Afghanistan weiter unterstützen.
Was sind in Ihren Augen die Vorteile einer solchen Internet-Plattform?
Das Internet wird immer mehr die mediale Plattform, die in Deutschland als Informationspool verwendet wird. Man kann schnell und ohne großen Aufwand Informationen finden. Dieser Entwicklung wollen wir Rechnung tragen. Außerdem ist diese Internet-Plattform eine kostengünstige Möglichkeit, um auf das Thema “Das andere Afghanistan” und auf die Arbeit von ADRA Deutschland und seinen Partnern hinzuweisen.
Welche Ziele haben Sie, um das Online-Angebot von ADRA Deutschland weiter zu entwickeln?
Wir sehen uns momentan die Resonanz auf das Online-Angebot an. Was wir beobachten, überrascht uns sehr positiv. Sowohl die Internet-Präsenz als auch unsere XING-Gruppe werden sehr gut angenommen. Momentan überarbeiten wir unsere Online-Angebote und werden noch weitere Seiten ins Netz stellen. Unser Ziel ist es, bis Ende 2008 alle Online-Angebote auf dem neuesten Stand zu haben.
Ein Wort zum Schluss?
Ohne unsere Hilfe – sowohl aktiv als auch passiv – werden es Menschen in Not sehr schwer haben, wieder “auf die Beine zu kommen” – wenn überhaupt. Wir unterschätzen in unserer kritischen und zum Teil auf das Negative fokussierten Sichtweise, wie viel Positives unsere Unterstützung erreicht hat und erreichen kann.
Kofi Anan, der ehemalige UN-Generalsekretär hat zu Recht gesagt: “Wer einem Menschen hilft, hat der ganzen Welt geholfen.” Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Mensch in Not, ohne Zukunft und Ihnen würde geholfen werden. Aus Ihrer Sicht hätte sich diese Hilfe gelohnt. Deshalb macht jede Hilfe Sinn, auch wenn nur einem Menschen geholfen wird.






Es ist gut über das andere Afghanistan zu berichten. “Die Schweiz Asiens”. Auch auf die – legale und positive – wirtschaftliche Entwicklung kann noch mehr hingewiesen werden. Bitte kommentiert doch auch die Afghanistankonferenz jetzt am 12. Juni in Paris und die vorausgegangen NGO-Konferenz ebenfals in Paris.
Hallo Frau Lehmann,
danke für Ihr Feedback und den Artikel-Tipp. Das eignet sich wirklich gut für einen Bericht – werde ich direkt aufgreifen.
Beste Grüße, Thomas Kilian
(Webmaster Afghanistan-Magazin)