Wie ein Frosch im Brunnen

Artikel geschrieben von am 2. Juli 2008
Kategorien: Menschen
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Seit drei Tagen regnet es in Kabul. Der graue Staub auf den Strassen hat sich in eine dicke Schlickmasse verwandelt. Jeder Schritt ist eine Herausforderung. In dieser glitschigen Masse möchte man nicht ausrutschen. Solch einen drei Tage anhaltenden Regenguss erlebe ich zum ersten Mal in Afghanistan. Es ist kalt und ungemütlich. Unsere Angestellten haben beschlossen, die “Doppelverglasung” für den Winter an unseren Fenstern anzubringen. Dieser Winterschutz besteht aus einer Plastikfolie, die man außen an die Fenster nagelt. Es hilft wirklich, die Wärme im Raum zu halten.

Der Kindergarten, den ich heute besuche, hat keine solche Doppelverglasung. Dennoch erwartet mich eine fröhliche Kinderschar mit ihren Lehrerinnen. Ich rutsche mehr über den lehmigen Pausenplatz der Schule, als dass ich gehe. Aber schon vom Hof kann ich die strahlenden Augen sehen, die mich freudig begrüßen.

Sie haben ein Kasperle-Theaterstück für mich vorbereitet. Die Bühne besteht aus einem alten, bunt bemalten Leintuch mit ausgeschnittenen Fenstern. Letztes Mal waren es unser Übersetzer und ich, die hinter der Bühne standen. Mühsam hatte ich mich an die Dari-Sätze zu erinnern versucht. Heute stehen zwei kleine Jungen auf einem Stuhl und winken eifrig mit ihren Tieren aus den Bühnen-Fensterlöchern. Den Text haben sie aus einem Tiergeschichtenbuch, das wir ihnen letztes Mal mitgebracht hatten. Welch ein Lichtstrahl im Novemberregentag! Unser Unterricht hatte also Früchte getragen. Wenn es doch immer so schnell und einfach ginge! Ich fühle mich reichlich belohnt. Vielleicht bleibt ein kleines Samenkörnchen von dem, was ich weitergeben wollte, doch in Afghanistan hängen. Das wäre schön!

ADRA Afghanistan hat in Kabul ein Projekt durchgeführt, das – von ADRA Österreich unterstützt und vom afghanischen Erziehungsministerium akzeptiert – Kindergärtnerinnen eine Aus- und Weiterbildung ermöglicht. Es ist ein Projekt, das Lehrern und Teilnehmern gleich viel Spass macht. Auf dem Stundenplan stehen nebst “Entwicklung des Kindes mit Spiel und Spass fördern” auch “Stundenplanvorbereitung”, “Musikspiele”, “Spielsachen selber herstellen”, “Erste Hilfe” und außerdem noch “Lernen mit dem Kasperle-Theater”.

Wie ein Frosch im Brunnen

Viele Frauen in Afghanistan fühlen sich wie ein Frosch im Brunnen.© sxc.hu/petovy

Während die Kinder auf den Stühlen hinter der Bühne ihre Rollen tauschen, wandern meine Gedanken zu einem Thema erster Priorität in Afghanistan: zur Frauenfrage. Bei einer Umfrage in der Proviz Badakshan hatte eine Frau gesagt:

“Wir Frauen sind doch wie ein Frosch im Brunnen, wir sitzen ganz unten im dunkeln Wasserloch und haben keine Ahnung, was auf dieser Welt passiert. Man spricht nicht mit uns, wir haben keinen Einfluss auf die Entscheidungen, die in der Familie gefällt werden, wir sind nicht mehr wert als Schafe und Kühe.”

Wie ein Frosch im Brunnen. Ein kleiner Frosch, der im 15-40 Meter tiefen, düsterfeuchten Ziehbrunnenschacht geboren wird, hat wenig Chance, auch nur das Tageslicht zu erahnen. Wie soll er 40 Meter hüpfen oder hochklettern? Er lebt und stirbt im Dunkeln.

Autorin Vreny Jaggi
Verena (”Vreny”) Jaggi hat ihren Mann in seiner Tätigkeit als Arzt in Nepal, Indien, Malawi (Ostafrika) und in den vergangenen vier Jahren bei seiner Arbeit für ADRA in Afghanistan unterstützt. Je nach Bedarf, hat sie als Medizinische Laborantin, als Lehrerin oder als Assistentin gearbeitet. In Afghanistan hat sie sich besonders für Frauen- und Kinderprojekte engagiert.

Ich denke an die 260 Frauen und jungen Mädchen, die im Moment in Kapisa in den Alphabetisierungskursen von ADRA sitzen und mit derselben Begeisterung lesen, schreiben und rechnen lernen und sich ihr Horizont mit Geographiekenntnissen erweitert. Nach sechs Wochen können sie ohne Stottern lesen und sämtliche Provinzen Afghanistans aufsagen. Sie haben den Sprung aus dem Brunnen gewagt. Trotz des Mullahs, der in der Moschee gegen die Kurse gewettert hatte – sie haben nicht aufgegeben. ADRA steht hinter ihnen, das macht sie stark. Inzwischen hat sich der Mullah beruhigt – er wartet jetzt auf unseren Englischkurs! Ob er wohl trotzdem kommt, auch wenn der Kurs von einer Frau unterrichtet wird?

Bei diesen Gedanken beschliesse ich – trotz Regenwetters – am nächsten Tag nach Kapisa zu fahren. Ich muss sowieso die sechs Lehrerinnen ausbezahlen, die warmen Decken, Schuhe und Kleider ins Waisenhaus bringen. Ich will noch Maß nehmen, damit der kleine Waisenmädchenchor eine Uniform kriegt – und auch noch andere Dinge mehr, bevor ich in die Ferien fahren kann.

Ferien –  wie kann ich nur davon träumen, wenn viele Frauen hier dieses Wort gar nicht kennen –  ich kriege beinahe ein schlechtes Gewissen bei diesem Gedanken. Aber meine Frauen im Kindergarten kennen das Wort – sie haben drei Tage Ferien nächste Woche! Und deshalb bin ich ja auch hier im Kindergarten, denn sie kriegen ein kleines Geschenk von ADRA zu “Eid” (das Fest am Ende des Fastenmonats Ramadan). Sie freuen sich beinahe kindlich über dieses Eid Geschenk. Sie sagen mir vielmals  tashakor und versichern mir, sie würden beten, dass Allah mich behüten sollte.



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