Voller Einsatz für die Sache der Frauen

Artikel geschrieben von am 16. Juli 2008
Kategorien: Menschen
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Leise fallen die Flocken auf die afghanische Landschaft und verhüllen das graue, trostlose Aschenbrödel in eine strahlend weisse Braut! Dieses unberührte Brautkleid in unserem kleinen Garten erinnert mich an meinen eigenen grossen Tag. Ich trete nicht auf den Schnee, ich möchte dieses glückliche Strahlen so lange wie möglich unzerstört erhalten. Auf zu vielen weißen Brautkleidern wurde grob herumgetrampelt und was blieb, war ein Wesen, das nie zu dem erblühen konnte, was im Keime vorhanden war.

Eigentlich war ich nie eine Verfechterin für Frauenrechte gewesen. Ich bin in eine Welt hineingewachsen, wo man sogar in der Schweiz schon Frauenstimmrecht hatte. Jegliche Berufsbildung war möglich für Mädchen und Frauen. Auch bin ich keine Kämpfernatur, ich wollte kein Held sein, aber ich wollte mein Leben bewusst erleben und sinnvoll leben. Ich hatte nie Filmhelden-Idole, wie andere Mädchen das hatten. Erst viel später im Leben habe ich gemerkt, wie meine Mutter immer mein grosses Vorbild gewesen ist und meinen Charakter geprägt hat. Eine tatkräftige, begabte Frau, die im kleinen Dorf eine Eigenständigkeit entwickelt hat, die von Allen bewundert wurde. Eine Frau, die trotz harter Arbeit im eigenen Geschäft, einen Frohmut und eine immerwährend gebende Hand und feine Seele bewahrt hat.

Diese Helden des Alltags erscheinen nicht in den Medien, aber sie formen unser Leben. Und das tun alle Begegnungen im Leben, solange wir offen sind dafür. Offenheit für das Neue bedingt, dass wir Altes loslassen können. Nur leere Hände können Neues anpacken, volle Seelen können weitergeben. Mutige Weltoffenheit der Eltern erleichtern den Kindern das Leben.

Vreny Jaggi gibt vollen Einsatz für die Sache der Frauen

Vreny Jaggi gibt vollen Einsatz für die Sache der Frauen.© ADRA Deutschland

Als mein Mann Peter in mein Leben trat, hat sich mein Vater folgendermassen geäussert: “Er ist ein so netter junger Mann, wenn er nur nicht diese verrückten Ideen hätte.” Aber gerade wegen dieser verrückten Ideen liebte ich ihn – sie waren auch die meinen. Mein Vater, im Gegensatz zu meiner Mutter, hat nie verstanden, dass jemand auch außerhalb der Heimat glücklich sein kann. Den Begriff Heimat hat er anders verstanden als wir. Uns sind viele Orte zur Heimat geworden – nämlich immer dort, wo wir gleichdenkende Menschen gefunden haben. Ich habe oftmals gespürt, dass den Menschen aus starken Wurzeln im Elternhaus Flügel wachsen. Vater gab mir Wurzeln, Mutter die Flügel.

Jedes Ding hat seine Zeit in unserem Leben. Als junge Frau habe ich mich kaum mit Frauenfragen beschäftigt. Hingegen verschlang ich buchstäblich alles, was mit Kindererziehung zu tun hatte. In kleinen Kindern war noch so viel Potential vorhanden, das wollte ich fördern, diese Psyche wollte ich verstehen. Da sah ich meine Aufgabe im Leben. Das war auch so in unserem ersten Missionseinsatz in Nepal. Ich betrieb einen Kindergarten und ging in meiner Erziehungsarbeit auf. Wohl hat mich das Schicksal der Frauen berührt, aber Kinderschicksale haben mich aufgewühlt und da wollte ich etwas Gutes tun.

Wieder zurück in der Schweiz verstand ich die Frauen vollends nicht mehr. Was wollten sie eigentlich? Sie hatten doch so viel mehr, als das, was ich bei den Frauen in Asien gesehen hatte. Schlagwörter wie “Selbstverwirklichung” füllten die Frauenzeitschriften. Bei unserem ersten Missionseinsatz in Nepal wurde ein wichtiger Grundstein für die Lebens-Einstellung unserer ganzen Familie gelegt. Ich wünschte mir, jede junge Familie hätte die Gelegenheit, einige Zeit in einem sogenannten Dritt-Welt-Land zu leben. Ohne die ganzen Absicherungen der sogenannten ersten Welt.

Wenn ich Frauen in Afghanistan beobachte, wenn ich mit ihnen spreche, sie unterrichte, dann sind ihre Grundbedürfnisse gar nicht so verschieden von den unseren: Beruf, Familie, Kinder, Erziehung, Religion. Frauen in dieser Kultur können durchaus glückliche Frauen werden, sie werden oft mehr verwöhnt, als wir emanzipierten Frauen uns vorstellen können. Ich bin noch nie mit Geschenken so überhäuft worden, wie hier in Afghanistan, aber nicht nur mit materiellen Gütern, sondern mit Warmherzigkeit, Gastfreundschaft und Ehrwürdigkeit meinem Alter gegenüber.

Autorin Vreny Jaggi
Verena (”Vreny”) Jaggi hat ihren Mann in seiner Tätigkeit als Arzt in Nepal, Indien, Malawi (Ostafrika) und in den vergangenen vier Jahren bei seiner Arbeit für ADRA in Afghanistan unterstützt. Je nach Bedarf, hat sie als Medizinische Laborantin, als Lehrerin oder als Assistentin gearbeitet. In Afghanistan hat sie sich besonders für Frauen- und Kinderprojekte engagiert.

Diese menschliche Wärme ist es, die mich dieser Gesellschaft so nahe verbunden fühlen lässt. Ist das nur die gute Erziehung oder kommt das aus einem tiefen menschlichen Bedürfnis heraus? Und woher kommt diese dunkle Seite im afghanischen  Volk? Ist es die alttestamentliche Ansicht “Aug’ um Auge, Zahn um Zahn”? Und weshalb werden von allen Geldgebern und Hilfswerken nur die Frauenprojekte so stark unterstützt? Wie müssen sich die Männer fühlen, die auch nicht lesen und schreiben können? Müssten wir unsere Projekte nicht doch oder ebenfalls bei den Männern ansetzen?

Fragen über Fragen, wir diskutieren oft im Team, in lokalen so genannten “Gender Groups”, mit unseren lokalen Angestellten – wir finden nicht auf alle Fragen eine Antwort. Aber Diskussionen sind sehr wichtig, um das Erlebte zu verarbeiten und neue Anstösse zu bekommen. Wut und Tränen der Anfangszeit kämpfen nicht mehr in mir. Wenn ich in den Augen eines Mitmenschen wieder das Leuchten der Lebensfreude entdecke, wenn ich ein scheues Lächeln auf ein Gesicht zaubern kann, dann ist mir das jedesmal eine grosse Genugtuung.

Meine Eltern leben nicht mehr, sie haben jedoch noch erlebt, dass die “verrückten Ideen des jungen Mannes” zu einem erfüllten, glücklichen Leben geführt haben, auch wenn es von Verzicht und harter Arbeit gezeichnet war. Mit Freuden habe ich festgestellt, dass ich aus der schäbigsten Unterkunft ein gemütliches Heim machen kann, dass ich Heimweh mit Tatendrang verdrängen kann, dass Kräfte in mir schlummern, die unter einfacheren Umständen nie zum Tragen gekommen wären. Befriedigtes Leben hat viele Formen, wichtig ist nur, dass ich zu meiner Aufgabe  voll “ja” sage.

Ich habe noch ein Stück Wegs zu gehen in meinem Leben. Ob hier oder in Europa, ich möchte es in dem Bewusstsein gehen, dass, was immer ich auch tue, einen Sinn hat – ob leben oder sterben. Ich war keine Kämpferin für die Frauenrechte – in Afghanistan wachse ich zur Kämpferin in Sachen Mit-mensch und Mit-frau heran. Ich habe mein ganzes Leben nie aufgehört, mich mit neuen Herausforderungen auseinanderzusetzen. Ich werde weiterhin jede Stufe mit neuem Interesse anpacken.



Ein Kommentar »

  1. Sehr geehrte Frau Jaggi,
    ich bin glücklich, bei meiner Vorbereitung für ein Märchenseminar über “Aschenbrödel” auf Ihre Seite gestoßen zu sein. Ich habe seit 2002 für die Organisation Shuhada gearbeitet, Märchen erzählend, Vorträge haltend, Schulprojekte begleitend, …, habe seit 2004 eine große Schule finanziert und zusätzlich 2007 ein großes Schulgebäude in Tabqus (Jaghuri) gebaut. Der italienische Verein Omid Onlus, über den ich bisher das Geld zu Shuhada schickte, wird am Montag, 31. August, aufgelöst; in Zukunft werde ich für die Jesuitenmission in Herat “arbeiten”. Was man leidenschaftlich gern tut, ist ja keine “Arbeit”.
    Liebe Frau Jaggi, wenn Sie mir zurückschreiben, freut es mich.
    Ich wohne in Bozen/Südtirol/Italien. Mehr über mich bei: http://www.provinz-verlag.com/Autoren
    Liebe Grüße
    Margret Bergmann

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