Verkehr in Kabul: Was ist das, eine Straßenbahn?
Kategorien: Landschaft
Tags: Afghanistan, Auto, Kabul, Luft, Politik, Taxi, Umwelt, Verkehr, Wiederaufbau
Irgendwo da oben muss blauer Himmel sein. Hier jedoch ist nichts davon zu sehen. Ich bin am Nachmittag in Afghanistans Hauptstadt Kabul unterwegs, in der schon fast wieder 400 000 Pkw, Lkw, Busse und Motorräder fahren. Abgasschwaden verdichten sich mit aufgewirbeltem Staub zu dunklen Wolken. Um die Umwelt sorgt sich hier niemand. Die Luft ist so dick, dass es schwierig ist, einen der Polizisten an der nächsten Kreuzung auszumachen.
“Warum gibt es in Kabul keine Straßenbahnen?”, frage ich den Taxifahrer. Der fragt zurück: “Was ist das, eine Straßenbahn?”
Auf den Straßen in Kabul geht es unglaublich chaotisch zu. Ein Durcheinander von Rädern, die sich millimeterdicht aneinanderreihen und manchmal nur im Schritttempo vorankommen. Dazwischen treiben Bauern ihre Ziegen- oder Schafherden quer über die Fahrbahn. Vorbei an neuen und alten gelb-weiß lackierten Taxis aus japanischer Produktion, deren Fahrer sich stets erst im allerletzten Moment zu überlegen scheinen, in welche Richtung sie fahren wollen. Es sind Sammeltaxis mit möglichst vielen Passagieren, die dadurch für den Einzelnen billiger werden, aber auch ständig unvermittelt anhalten, um Fahrgäste ein- und aussteigen zu lassen.
In diesem Straßengewirr sieht man aber auch die modernen Geländewagen von Ausländern und den Vereinten Nationen mit ihren afghanischen Fahrern, die zehnmal so viel verdienen wie ein Polizist. Mittendrin quietschen altersschwache Fahrräder mit selbst gebauten Anhängern, auf denen Bauern Obst und Gemüse transportieren. Die ausländischen Soldaten, die wuchtige Panzerwagen durch die Straßen steuern, müssen regelrecht jonglieren, um Unfälle zu vermeiden. Über allem liegt eine spannungsgeladene Atmosphäre, die jederzeit explodieren kann. Schon ein Verkehrsunfall kann blutige Unruhen auslösen.
Ein Dutzend Verkehrsampeln hat die Kriegswirren überstanden. Ich weiß nicht, ob sie in diesen Tagen manchmal blinken, es wird ja nur stundenweise Strom geschaltet. Abdul Shakoor Khairkhwah, Chef der Verkehrspolizei, hat für hundert Kreuzungen neue Ampeln bestellt. Dann sollen auch die Beobachtungstürme am Straßenrand verschwinden, die noch aus der Zeit der sowjetischen Besatzung stammen. Und werden die neuen Ampeln dann auch funktionieren? Der Polizeichef ist zuversichtlich.
Ein Sprecher der Elektrizitätsbehörde warnte allerdings, dass die Stadt vorher 40 000 US-Dollar für längst fällige Stromrechnungen überweisen müsse. An das veraltete Kabelnetz könnten Verkehrsampeln außerdem nur in der Nähe der Generatoren angeschlossen werden. Ob dann immer noch mehrere Polizisten an jeder Straßenkreuzung nötig sind? Die Leute auf der Straße, die es betrifft, meinen: “Selbstverständlich. Unsere Fahrer halten sich nicht an das rote Licht. Woher sollten sie auch die Verkehrsregeln kennen? Die meisten haben sich den Führerschein einfach gekauft.”
Dieser Artikel entstammt dem Buch “Afghanistan – Rosen, Mohn, 30 Jahre Krieg” von Fotojournalistin Ursula Meissner. Sie können dieses Buch bei ADRA bequem online bestellen und unterstützen damit die Herstellung und Verteilung einer Decke in Afghanistan.






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