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	<title>Das andere Afghanistan &#124; Online-Magazin von ADRA zum Buch von Ursula Meissner &#187; Erziehung</title>
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	<description>Das andere Afghanistan &#124; Online-Magazin von ADRA zum Buch von Ursula Meissner</description>
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		<title>Es war die Lerche und nicht die Nachtigall!</title>
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		<pubDate>Fri, 15 Aug 2008 05:00:58 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Ein herrliches Erwachen heute! Die Luft was so kühl und rein, und bevor noch irgend ein Spatz in unserem Garten tschirpte, jubelte plötzlich eine Vogelstimme ihr Morgenlied in die Welt hinaus. Erst zaghaft und dann voller Überzeugung. Ich bin kein Vogelkenner, ich habe keine Ahnung, wie der trillerndeVogel aussieht oder wie er heißt. Ich weiß nicht einmal, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Ein herrliches Erwachen heute!</strong> Die Luft was so kühl und rein, und bevor noch irgend ein Spatz in unserem Garten tschirpte, jubelte plötzlich eine Vogelstimme ihr Morgenlied in die Welt hinaus. Erst zaghaft und dann voller Überzeugung. Ich bin kein Vogelkenner, ich habe keine Ahnung, wie der trillerndeVogel aussieht oder wie er heißt. Ich weiß nicht einmal, ob es in Afghanistan überhaupt Lerchen gibt. Aber ich habe das Lied verstanden: &#8220;Die Welt ist schön, ich bin glücklich, ich habe wieder Futter, ich habe wieder grüne Bäume. Diese Dankbarkeit möchte ich mit der ganzen Welt teilen.&#8221; Und wie ich sein Glück teilte! Solche Momente sind rar, besonders im jetzigen Afghanistan. Es ist wie das Lächeln in einem Kindergesicht oder das Aufleuchten in den Augen einer Frau, die an einem Kurs teilnehmen darf.<br />
 <br />
Unsere Büsche im Garten sind ein Spatzenparadies. Im Frühjahr schwatzen sie uns die Ohren voll, jegliche Morgenruhe ist dahin. Ich kenne auch das Glucksen unserer Hennen, alles bekannte und alltägliche Geräusche. Aber dieses einzigartige Morgenlied war wie ein Hoffnungsschimmer, dass es in jeder Spezies immer wieder einmalige Aussenseiter gibt, die den Mut haben, etwas Außergewöhnliches zu tun. Sie tun es nicht, um aufzufallen oder weil sie ein Lob suchen. Sie tun es, weil sie nicht anders können, als das zu tun, was ihnen ihre innere Kraft eingibt.</p>
<p>Ich bewundere solche Vögel, solche Blumen und vor allem solche Menschen. Ich habe hier in Afghanistan viele kennengelernt, eine von ihnen ist ein kleines Mädchen. Sie sind den &#8220;Lerchengesang&#8221; ebenfalls, ohne es zu wissen. <strong>Das Mädchen ist nur elf Jahre alt. Seit drei Jahren geht es zur Schule.</strong></p>
<p>Alles normal denkt Ihr vielleicht. Lasst mich die Schule beschreiben: Wenn man von Kabul 8-10 Stunden mit dem Vierradantrieb über Holperstrassen in die Berge schottert, dann kommt man ins Zentrale Hochland. Dort muss man nochmals mindestens 4-5 Stunden mit einem 6-Rad Antrieb durch einen Fluss fahren, über Dämme und kleine Stauwehrs, dann hört die Flussstrasse auf. Dort angekommen, muss man auf einen Esel umsteigen oder 2-3 Stunden über Berg und Tal bis zum Schulhaus gehen. Diesen Schulweg macht das elfjährige Mädchen jeden Tag, seit drei Jahren. Jeden Tag fünf Stunden Schulweg, bei größter Hitze, bei jedem Wetter.</p>
<p><strong>Die Schule hat ein blaues Himmeldach und die Wände bestehen aus Sonnenschein.</strong> Die Lehrerin selber ist sechs Jahre zur Schule gegangen, kann nur weitergeben, was ihr Lehrer sie damals lehrte. Didaktik und Methodik sind unbekannte Laute einer unbekannten Welt. Hier baut ADRA ein Schulhaus, mit Hilfe der Eltern der 500 Schulkinder. Es wird &#8220;ihre Schule&#8221; sein. Sie freuen sich unglaublich. Endlich sind sie nicht mehr das vergessene Volk in den Bergen, jemand hilft ihnen, die Flügel zu öffnen!</p>
<p>Sie leben in kleinen grünen Oasen, die mitten in den grauen Felszerklüftungen des Zentralen Hochlandes verstreut liegen, dort wo Wasser ein kärgliches Überleben erlaubt. Nur die Stärksten überleben – wie mein kleines Mädchen, das so tapfer um seine Bildung kämpft. Jeden Tage eine neue Heldentat – den langen Schulweg, ohne Wasser oder Vespertäschchen, mit Tee und Nan zum Frühstück und Reis und Bohnen zum Abendessen. Eine kleine, heldenhafte Lerche im Gebirge des Hindukush.</p>
<p><img src="http://afghanistan.adra.de/wp-content/uploads/2008/08/schule-in-den-bergen_afghanistan01.jpg" alt="Eine Schule in den Bergen im Zentralen Hochland von Afghanistan." /> </p>
<p><div id="ImageText"><span class="ImageTextD">Eine neue Schule in den Bergen im Zentralen Hochland von Afghanistan.</span><span class="ImageTextC">© ADRA Deutschland</span></div></p>
<p><strong>Wie hat Erich Kästner so schön gesagt: &#8220;Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!&#8221;</strong> Wir freuen uns, dass wir Geld für diese Schule bekommen haben. Heute senden wir den zweiten Lastwagen mit notwendigem Baumaterial auf den Weg. Die letzten zwei Stunden muss alles auf den Lastesel umgeladen werden und dann marschieren die Tiere 3 Stunden in der brütenden Sonne. Es ist ein enormes Unterfangen, aber es bringt eine riesige Freude, einen Stolz, dass das neue Schulhaus ein richtiges Dach und richtige Wände haben wird, dass sie nun schon eine Wandtafel besitzen, dass wir einen Lehrer-Weiterbildungskurs veranstalten werden. <strong>Die Lerche breitet ihre Flügel aus – bald wird sie fliegen!</strong></p>
<p>Vergangene Woche habe ich das Projekt besucht, wo wir Waisenkinder in Fahrrad-Mechanik ausbilden. Leider hatte ich die Kamera nicht bei mir – es war ein herrliches Bild! In der Morgenfrische saßen etwa fünfzehn Jungen um den Lehrer, der ihnen beibrachte, wie man die Speichen am Rad anzieht, sie müssen nämlich 45 Fahrräder aus den einzelnen Teilen zusammensetzen. Sie waren ernsthaft bei der Sache und zählten voller Stolz die Namen der einzelnen Teile auf, sie wollten gar die Mechanik des Rades erklären – ich habe nichts verstanden, aber ich habe das Leuchten ihrer Augen gesehen.</p>
<p><div id="HighlightBox" class="HbRight clearfix"><div id="HbTop"><span class="HbHl">Autorin Vreny Jaggi</span></div><div id="HbBtm">Verena (”Vreny”) Jaggi hat ihren Mann in seiner Tätigkeit als Arzt in Nepal, Indien, Malawi (Ostafrika) und in den vergangenen vier Jahren bei seiner Arbeit für ADRA in Afghanistan unterstützt. Je nach Bedarf, hat sie als Medizinische Laborantin, als Lehrerin oder als Assistentin gearbeitet. In Afghanistan hat sie sich besonders für Frauen- und Kinderprojekte engagiert.</div></div></p>
<p>Früher hatten sie die Aufseher im Waisenhaus dazu angeleitet, ein paar Dinge aus den Vorratskammern zu stehlen – für den Aufseher. Jetzt eignen sie sich ein Wissen an, auf das sie stolz sind, denn sie sind keine gewöhlichen &#8220;Spatzen&#8221; mehr, sie haben ein Spezialwissen, das lässt sie aus der Masse herausragen.</p>
<p>Bald werden wir eine neue Gruppe haben. Sie wird Geflügelzucht erlernen &#8211; ermöglicht durch eine großzügige Spende aus Deutschland. Sie werden lernen, wie man ein Huhn impft, wie man Erkrankungen erkennt, wie man Hygiene an sich selber anwendet, wie man sich gesund ernährt, wie man mit Abfällen Recycling macht, wie man einen kleinen Handel beginnt, wie man Verantwortung übernimmt – alles kindgerecht vorbereitet, damit Lernen Spaß macht und alles, um die Kräfte ihrer Flügel zu vergrössern.</p>
<p><strong>Jeden Tag entdecke ich neue Menschen, die bereit sind, einen Flug anzutreten.</strong> Letzte Woche war ich in einem dreitägigen Kurs, wo Trainer ausgebildet wurden, um den Frauen beizubringen, wie man ein kleines Geschäft aufzieht, was es alles zu beachten gilt und welche Marktstrategien man tätigen sollte. Große Worte für ein &#8220;Small Business&#8221;, aber es hilft, die Flügel auszubreiten. Und es zaubert ein Licht in die Augen der Frauen. Sie werden ernst genommen, man befasst sich mit ihnen.</p>
<p><strong>Sie realisieren: es ist nicht wichtig, was ich habe, sondern was ich bin. Ich habe die Kraft, etwas aufzubauen, auch wenn ich noch nicht lesen und schreiben kann. Ich kann es lernen, ich kann sogar lernen, wie man ein einfaches Kassenbuch führt – ich habe Kraft und den Willen, etwas zu tun. Ich freue mich auf den Gesang der Lerchen – auch wenn es anfänglich wie ein Spatzengeschwirr tönt- Hauptsache sie öffnen die Flügel!</strong></p>
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		<title>Finstere Mathematik und die Hilfe der Kinder</title>
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		<pubDate>Fri, 11 Jul 2008 05:00:55 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[&#8220;Wenn Dein Vater drei Männer erschiesst und Dein Nachbar fünf, wieviele Tote liegen dann auf der Strasse vor Deinem Haus?&#8221; Wie haben die Eltern während der Talibanzeit auf solche Hausaufgaben ihrer Kinder reagiert? Was konnte eine einfache afghanische Frau gegen einen solchen Terror überhaupt tun? Eine Frau die weder lesen, schreiben noch rechnen konnte?  87 Prozent der [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>&#8220;Wenn Dein Vater drei Männer erschiesst und Dein Nachbar fünf, wieviele Tote liegen dann auf der Strasse vor Deinem Haus?&#8221; </strong></p>
<p>Wie haben die Eltern während der Talibanzeit auf solche Hausaufgaben ihrer Kinder reagiert? Was konnte eine einfache afghanische Frau gegen einen solchen Terror überhaupt tun? Eine Frau die weder lesen, schreiben noch rechnen konnte?  87 Prozent der Frauen in Afghanistan sind auch heute noch analphabetisiert und ohne jegliches Mitbestimmungsrecht. Ich sehe sie vor meinem inneren Auge, die lebhaften, lernbegierigen Schwarzschöpfe und ihre erstaunten, kopfschüttelnden Mütter.</p>
<p>Haben die Mütter gar nicht geahnt, was da in die Seelen ihrer jungen Söhne eingegraben wurde? Haben sie auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder gehofft, wie die meisten Eltern? Karriere, Ehre, Macht, Reichtum – und genügend Essen für die ganze Familie. Die Ärmsten der Armen hatten kein Geld, um dieser Terrorausbildung zu entfliehen. Mich schaudert.</p>
<p><strong>Diese Woche haben wir einen Container von ADRA Dänemark bekommen</strong>, der so schnell wie möglich entladen werden musste – wir waren nur 4 Leute – hin und her, rauf und runter rannten wir. Die Schweisstropfen brannten uns in den Augen und perlten den Rücken hinunter. Doch plötzlich schwirrten ein Dutzend kleiner Heinzelmännchen zwischen unseren Beinen hindurch und schleppte Schachtel um Schachtel in unseren Ablageraum. Ich kam kaum nach, die Pakete ordentlich zu stapeln.</p>
<p><img src="http://afghanistan.adra.de/wp-content/uploads/2008/06/kinder-helfen-in-afghanistan-beim-ausladen.jpg" alt="Die Kinder helfen uns beim Ausladen des Containers" /></p>
<p><div id="ImageText"><span class="ImageTextD">Die kleinen &#8220;Heinzelmännchen&#8221; helfen uns beim Ausladen des Containers.</span><span class="ImageTextC">© Vreny Jaggi</span></div></p>
<p>Die ganze Kinderschar unserer Strasse hatte sich eingefunden und half mit Begeisterung, den Container zu entladen. Afghanische Kinder sind wirklich sehr lebhaft und begeisterungsfähig und ein kleiner Funke genügt, um aus ihnen entweder eine frohe Helferschar zu machen oder eine Horde wilder Kämpfer. Ich bin froh, dass sie noch nicht zur Schule gingen, als man im Mathematikunterricht noch mit Toten rechnete!</p>
<p>Sie schleppten die grössten Schachteln herbei, riefen mir jedesmal ein fröhliches &#8220;How are you?&#8221; zu und lachten wie kleine Spitzbuben, wenn ich auf Dari antwortete. Welch unglaubliches Potential da vorhanden is! Ich hoffe, dass ihre jungen Herzen noch nicht zu viele Leidensspuren haben.</p>
<p><div id="HighlightBox" class="HbRight clearfix"><div id="HbTop"><span class="HbHl">Autorin Vreny Jaggi</span></div><div id="HbBtm">Verena (”Vreny”) Jaggi hat ihren Mann in seiner Tätigkeit als Arzt in Nepal, Indien, Malawi (Ostafrika) und in den vergangenen vier Jahren bei seiner Arbeit für ADRA in Afghanistan unterstützt. Je nach Bedarf, hat sie als Medizinische Laborantin, als Lehrerin oder als Assistentin gearbeitet. In Afghanistan hat sie sich besonders für Frauen- und Kinderprojekte engagiert.</div></div></p>
<p><strong>Die größte Bedeutung in der Erziehung messen afghanische Eltern dem guten Benehmen zu.</strong> Darunter verstehen sie Höflichkeit, Respekt, Gastfreundschaft. Das sind die drei Hauptpfeiler der Erziehung. An zweiter Stelle stehen Mut und dann kommen in folgender Reihenfolge religiöses Wissen und Glaube, Verantwortlichkeit, Gesundheit, Reinlichkeit, dann Gefühle wie Glück und Hoffnung und positive Beziehungen, speziell innerhalb der Familie.</p>
<p>Es ist interessant zu sehen, dass die Religion eine zentral Stellung einnimmt. Kindern bringt man bestimmte Gebete bei, die sie als wichtiges Werkzeug benutzen, um mit Gefahrmomenten umgehen zu können, wie Gespenstern auf dem Friedhof oder Bombenanschlägen. Seit frühester Kindheit wird ihnen eingeprägt, dass Leiden, Risiken und Gefahren einen unausweichlichen Teil des Lebens ausmachen und man ermuntert die Kinder, diese mutig zu akzeptieren und als herausfordernden Teil des Lebens anzunehmen.</p>
<p><strong>&#8220;Starke Eltern haben starke Kinder&#8221; sagen die Afghanen, und &#8220;Neue Sorgen vertreiben die alten.&#8221; Es ist wohl diese absolut positive Einstellung zum Leben, die die Afghanen immer wieder dazu treibt, neu zu beginnen, ob nun das Ziel in unseren Augen erstrebenswert erscheint oder nicht.</strong></p>
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		<title>Wie ein Frosch im Brunnen</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Jul 2008 06:00:29 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Seit drei Tagen regnet es in Kabul. Der graue Staub auf den Strassen hat sich in eine dicke Schlickmasse verwandelt. Jeder Schritt ist eine Herausforderung. In dieser glitschigen Masse möchte man nicht ausrutschen. Solch einen drei Tage anhaltenden Regenguss erlebe ich zum ersten Mal in Afghanistan. Es ist kalt und ungemütlich. Unsere Angestellten haben beschlossen, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Seit drei Tagen regnet es in Kabul.</strong> Der graue Staub auf den Strassen hat sich in eine dicke Schlickmasse verwandelt. Jeder Schritt ist eine Herausforderung. In dieser glitschigen Masse möchte man nicht ausrutschen. Solch einen drei Tage anhaltenden Regenguss erlebe ich zum ersten Mal in Afghanistan. Es ist kalt und ungemütlich. Unsere Angestellten haben beschlossen, die &#8220;Doppelverglasung&#8221; für den Winter an unseren Fenstern anzubringen. Dieser Winterschutz besteht aus einer Plastikfolie, die man außen an die Fenster nagelt. Es hilft wirklich, die Wärme im Raum zu halten.</p>
<p>Der Kindergarten, den ich heute besuche, hat keine solche Doppelverglasung. Dennoch erwartet mich eine fröhliche Kinderschar mit ihren Lehrerinnen. Ich rutsche mehr über den lehmigen Pausenplatz der Schule, als dass ich gehe. Aber schon vom Hof kann ich die strahlenden Augen sehen, die mich freudig begrüßen.</p>
<p><strong>Sie haben ein Kasperle-Theaterstück für mich vorbereitet.</strong> Die Bühne besteht aus einem alten, bunt bemalten Leintuch mit ausgeschnittenen Fenstern. Letztes Mal waren es unser Übersetzer und ich, die hinter der Bühne standen. Mühsam hatte ich mich an die Dari-Sätze zu erinnern versucht. Heute stehen zwei kleine Jungen auf einem Stuhl und winken eifrig mit ihren Tieren aus den Bühnen-Fensterlöchern. Den Text haben sie aus einem Tiergeschichtenbuch, das wir ihnen letztes Mal mitgebracht hatten. Welch ein Lichtstrahl im Novemberregentag! Unser Unterricht hatte also Früchte getragen. Wenn es doch immer so schnell und einfach ginge! Ich fühle mich reichlich belohnt. Vielleicht bleibt ein kleines Samenkörnchen von dem, was ich weitergeben wollte, doch in Afghanistan hängen. Das wäre schön!</p>
<p>ADRA Afghanistan hat in Kabul ein Projekt durchgeführt, das – von ADRA Österreich unterstützt und vom afghanischen Erziehungsministerium akzeptiert – Kindergärtnerinnen eine Aus- und Weiterbildung ermöglicht. Es ist ein Projekt, das Lehrern und Teilnehmern gleich viel Spass macht. Auf dem Stundenplan stehen nebst &#8220;Entwicklung des Kindes mit Spiel und Spass fördern&#8221; auch &#8220;Stundenplanvorbereitung&#8221;, &#8220;Musikspiele&#8221;, &#8220;Spielsachen selber herstellen&#8221;, &#8220;Erste Hilfe&#8221; und außerdem noch &#8220;Lernen mit dem Kasperle-Theater&#8221;.</p>
<p><img src="http://afghanistan.adra.de/wp-content/uploads/2008/06/frosch-im-brunnen.jpg" alt="Wie ein Frosch im Brunnen" /></p>
<p><div id="ImageText"><span class="ImageTextD">Viele Frauen in Afghanistan fühlen sich wie ein Frosch im Brunnen.</span><span class="ImageTextC">© <a target="_blank" href="http://www.sxc.hu/photo/933680" title="sxc.hu/petovy">sxc.hu</a>/petovy</span></div></p>
<p>Während die Kinder auf den Stühlen hinter der Bühne ihre Rollen tauschen, wandern meine Gedanken zu einem Thema erster Priorität in Afghanistan: zur Frauenfrage. Bei einer Umfrage in der Proviz Badakshan hatte eine Frau gesagt:</p>
<blockquote><p><em>&#8220;Wir Frauen sind doch wie ein Frosch im Brunnen, wir sitzen ganz unten im dunkeln Wasserloch und haben keine Ahnung, was auf dieser Welt passiert. Man spricht nicht mit uns, wir haben keinen Einfluss auf die Entscheidungen, die in der Familie gefällt werden, wir sind nicht mehr wert als Schafe und Kühe.&#8221;</em></p></blockquote>
<p><strong>Wie ein Frosch im Brunnen.</strong> Ein kleiner Frosch, der im 15-40 Meter tiefen, düsterfeuchten Ziehbrunnenschacht geboren wird, hat wenig Chance, auch nur das Tageslicht zu erahnen. Wie soll er 40 Meter hüpfen oder hochklettern? Er lebt und stirbt im Dunkeln.</p>
<p><div id="HighlightBox" class="HbRight clearfix"><div id="HbTop"><span class="HbHl">Autorin Vreny Jaggi</span></div><div id="HbBtm">Verena (”Vreny”) Jaggi hat ihren Mann in seiner Tätigkeit als Arzt in Nepal, Indien, Malawi (Ostafrika) und in den vergangenen vier Jahren bei seiner Arbeit für ADRA in Afghanistan unterstützt. Je nach Bedarf, hat sie als Medizinische Laborantin, als Lehrerin oder als Assistentin gearbeitet. In Afghanistan hat sie sich besonders für Frauen- und Kinderprojekte engagiert.</div></div></p>
<p>Ich denke an die 260 Frauen und jungen Mädchen, die im Moment in Kapisa in den Alphabetisierungskursen von ADRA sitzen und mit derselben Begeisterung lesen, schreiben und rechnen lernen und sich ihr Horizont mit Geographiekenntnissen erweitert. Nach sechs Wochen können sie ohne Stottern lesen und sämtliche Provinzen Afghanistans aufsagen. Sie haben den Sprung aus dem Brunnen gewagt. Trotz des Mullahs, der in der Moschee gegen die Kurse gewettert hatte – sie haben nicht aufgegeben. ADRA steht hinter ihnen, das macht sie stark. Inzwischen hat sich der Mullah beruhigt – er wartet jetzt auf unseren Englischkurs! <strong>Ob er wohl trotzdem kommt, auch wenn der Kurs von einer Frau unterrichtet wird?</strong></p>
<p>Bei diesen Gedanken beschliesse ich – trotz Regenwetters – am nächsten Tag nach Kapisa zu fahren. Ich muss sowieso die sechs Lehrerinnen ausbezahlen, die warmen Decken, Schuhe und Kleider ins Waisenhaus bringen. Ich will noch Maß nehmen, damit der kleine Waisenmädchenchor eine Uniform kriegt – und auch noch andere Dinge mehr, bevor ich in die Ferien fahren kann.</p>
<p>Ferien –  wie kann ich nur davon träumen, wenn viele Frauen hier dieses Wort gar nicht kennen –  ich kriege beinahe ein schlechtes Gewissen bei diesem Gedanken. Aber meine Frauen im Kindergarten kennen das Wort – sie haben drei Tage Ferien nächste Woche! Und deshalb bin ich ja auch hier im Kindergarten, denn sie kriegen ein kleines Geschenk von ADRA zu &#8220;Eid&#8221; (das Fest am Ende des Fastenmonats Ramadan). Sie freuen sich beinahe kindlich über dieses Eid Geschenk. Sie sagen mir vielmals  tashakor und versichern mir, sie würden beten, dass Allah mich behüten sollte.</p>
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