Salang – Ein Nadelöhr in 3400 Metern Höhe

Artikel geschrieben von am 27. Mai 2008
Kategorien: Landschaft
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Ich war bereits zwei Monate in Kabul, aber eine Reise ins Landesinnere hatte ich noch nicht unternommen. Als meine Kollegen mich deshalb zu einer Fahrt in die Provinz Samangan einluden, war ich sehr begeistert und freute mich auf die Reise.

“Wir müssen über den Salang, das ist ein Abenteuer für sich”, meinten sie. Salang? Die Sache war schnell aufgeklärt: Der Salang Pass oder “Kotal-e Salang”, wie er in Afghanistan heißt, ist der höchstgelegene Pass Afghanistans mit dem Salang-Tunnel für den Straßenverkehr. Dieser Tunnel befindet sich in 3400 Metern Höhe, ist 2,6 Kilometer lang und verbindet den Norden Afghanistans mit der Provinz Kabul und der darin befindlichen gleichnamigen Hauptstadt.

Der Salang-Tunnel ist der dritthöchste Straßentunnel der Welt, bis ins Jahr 1973 führte er die Liste der höchsten Straßentunnel der Welt an.1955 unterzeichnete Afghanistan mit der Sowjet Republik einen Vertrag zum Bau dieses Tunnels, der 1964 fertiggestellt wurde und eine ganzjährige Verbindung zwischen Nord und Süd ermöglicht.

Besonders während der Besatzung durch die Sowjets wurde der Tunnel schwer in Mitleidenschaft gezogen, 1982 explodierte ein Tankwagen der Russen und töte 64 sowjetische und 112 afghanische Soldaten. Nach der Niederlage der Taliban wurde der Tunnel in einer Kooperation Afghanistans, der USA, Russlands, Frankreichs und anderer Staaten wieder hergestellt und 2002 wieder eröffnet. Seit 2004 ist wieder in beide Richtungen befahrbar.

Der Weg zum Salang-Pass im Landesinneren war vereist und beschwerlich.

Der Weg zum Salang-Pass im Landesinneren war wie hier vereist und beschwerlich.© ADRA Deutschland 

Kaum waren wir einige Kilometer außerhalb Kabul, kam für uns die erste Überraschung: Die Asphaltstraße war zu Ende und die Qualität der Straße ließ spürbar nach. Wehe, mein Kollege übersah eine Vertiefung in der Fahrbahn, denn dann machte der Kopf sofort Bekanntschaft mit dem Autodach. Nach mehreren Stunden Fahrt – und gut durchgeschüttelt kamen wir an den Fuß Hindukusch. Fahrerwechsel. Jetzt durfte ich weiterfahren.

Wer dachte, es können nicht schlimmer werden, irrte sich. Die Straße zum Salang-Tunnel lässt sich eher mit einer Mischung aus Schotterpiste und Mondlandschaft vergleichen. Zusätzlich mussten Furten, Baustellen und weggebrochene Straßenteile umfahren werden. Wer noch nie auf einem Rodeo-Bullen geritten ist, bekommt eine kleine Vorahnung, wie sich so etwas anfühlt, wenn er diese Straße fährt.

Louis Palmer hat uns dankenswerter Weise einige Bilder vom Salang-Pass und dem Tunnel zur Verfügung gestellt, so dass wir auch einen optischen Eindruck erhalten:

Immer wieder muss man LKW-Kolonnen überholen, kommt an liegengebliebenen Autos und LKWs vorbei, manchmal auch an Wracks. Je höher wir kamen, desto mehr wurde es winterlich, auch auf der “Straße” lag Schnee. Und ohne Vorwarnung, ganz plötzlich, drehte sich das Auto quer und wir rutschten auf den Abhang zu. Nur die hohen Schneewände stoppten unseren Geländewagen. Mein Puls schnellte nach oben und mir wurde zum ersten Mal bewusst, wie gefährlich es in einem Land ohne ADAC-Hubschrauber, Mobiltelefon und erstklassiger Erste-Hilfe-Versorgung ist, wie verletzlich man wird.

Autor Fritz Neuberg
Fritz Neuberg ist bei ADRA Deutschland als Bereichsleiter für Marketing und Kommunikation zuständig. Der gebürtige Wiener ist seit 2003 bei ADRA beschäftigt und war für die Hilfsorganisation bereits in Afghanistan, im Iran und in Sri Lanka tätig. 

Dann mussten wir warten, der Tunnel war nicht mehr weit, aber die Straße war noch gesperrt, weil zu dieser Zeit nur eine Fahrbahn zur Verfügung stand. Nach einer Stunde Wartezeit ging es dann weiter, die Bauarbeiten bzw. Reparaturarbeiten vor der Tunneleinfahrt waren in vollem Gange. Eine Kolonne von Fahrzeugen schlängelte sich in den Tunnel hinein.

Im Tunnel gab es nur düsteres Licht, die Tunnelwände waren schwarz und feucht, man konnte sich vorstellen, wie es vor den Reparaturarbeiten im Salang-Tunnel ausgesehen hatte. “Pass auf! Da sind Löcher in der Fahrbahn!” Der Schrei eines Kollegen schreckte mich auf. Was er als “Loch” bezeichnete, waren kanaldeckelgroße Öffnungen in der Mitte der Fahrbahn, wahrscheinlich fehlten hier auch die Kanaldeckel, jedenfalls hätte es einen schlimmen Unfall gegeben, wenn ich in eine der Öffnungen hineingefahren wäre.

Nach kurzer Zeit waren wir wieder aus dem Tunnel heraus. Bevor der Tunnel erbaut wurde, musste man 7 bis 10 Stunden zusätzliche Fahrzeit einrechnen und 300 Kilometer zusätzlichen Fahrweg hinter sich bringen. Der Salang-Tunnel ist ein besonderes Stück afghanischer Geschichte, er erinnert an eine Zeit, als Afghanistan scheinbar aufzublühen begann, aber erinnert auch an Krieg und viele Schlachten, die hier in großer Höhe geschlagen wurden.



4 Kommentare »

  1. Von wann stammen die Fotos? Wann sind Sie dort lang gefahrten? Der Eingang zum Tunnel war im März 2006 schon schön gemauert. Trotz der Hochwasserschäden – die Teile der Straße und auch Gebäude z.B. im Sommer 2007 weggerissen haben – ist die Straße recht gut befahrbar und seit diesem Jahr fast durchgehend ausgebaut. An der Straße durch den Hindukusch gibt es Tankstellen, Wagenmotorabkühler, Restaurants etc. Die Panzer sind weg, aber es gibt immer noch Tote auf der Straße – Ver Es sind verschiedene Hotels geplant. Ein Hotel soll nördlich des Tunnels in der Nähe des naheliegenden Fischrestaurants entstehen. Die ganze Strecke soll mitlerweile für das mobile Telefonieren erschlossen sein.

  2. Hallo Frau Lehmann, vielen Dank für Ihren Kommentar!

    Die Fotos stammen aus dem Jahr 2003, in dieser Zeit war Fritz Neuberg auch in Afghanistan. Es ist schön zu hören, dass sich die Situation am Salang-Pass mittlerweile spürbar verbessert hat. Haben Sie aktuelle Fotos? Verlinken Sie gerne zu einer Galerie oder senden Sie mir einige Bilder (thomas.kilian@adra.de), die ich gerne in den Artikel einbaue.

    Beste Grüße, Thomas Kilian#
    (Webmaster Afghanistan-Magazin)

  3. Hallo Herr Killian,

    gern sende ich Ihnen ein paar Bilder vom Salang-Pass vom August 2008 zu. Nehmen Sie doch bitte Kontakt mit mir auf, um z. B. die max. Größe der Bilddateien mitzuteilen.

    Beste Grüße, Mario Schüller

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