Kopftuch und Burka in Afghanistan – ja oder nein?
Kategorien: Menschen
Tags: Afghanistan, Burka, diskussion, Frauen, Islam, Kopftuch, Rechte, Religion, Unterdrückung
Oder “afghanisch” gefragt: “Burka – Ja oder Nein?” Die Fragestellung ist nur eine Kurzform der Grundsatzfrage zu den Bekleidungsvorschriften, die in vielen muslimischen Ländern für Frauen gelten. Diese Vorschriften sind von Land zu Land verschieden, der Koran bzw. die gesellschaftlichen Regeln werden unterschiedlich ausgelegt. Im Folgenden soll die Kurzform “Kopftuch” für das Thema Bekleidungsvorschriften stehen.
Kopftuch – Ja oder Nein? Diese Fragestellung ist direkt, offen, für manche vielleicht auch zu aggressiv. Und doch wird sie genau in dieser Form gegenwärtig gestellt. Denn es geht um eine Grundsatzfrage: “Wer ist der Muslime/Muslima” und wie beeinflussen sie unsere Gesellschaft. Und es behandelt das Thema “Stellung der Frau im Islam und in der arabisch/persischen Welt”, ihre Rechte bzw. nicht vorhandenen Rechte.

Wer ein wenig zu diesem Thema “googelt” findet schnell hitzig geführte Diskussionen zu dem oben genannten Thema. Der Stil dieser Diskussionen endet – leider – meist in einem polemischen, zynischen, letztlich aggressiven Stil.
Dass die Diskussion intensiv geführt wird, zeigen auch Medien und Politik. Mit verschiedenen Ergebnissen: Schweizer Politiker fordern ein Burka-Verbot, während der Schweizer Fremdenverkehrsverband den betuchten Gästen viel offener gegenübersteht. In Bayern beschließen die Grünen, religiöse Symbole aus Klassenzimmern verbannen zu wollen – es geht um das Kopftuch – und enden in einer Diskussion um die Rolle der Kirche. In Wuppertal verbietet das Arbeitsgericht einer muslimischen Lehrerin genau das: Die Lehrerin darf ihr Kopftuch nicht tragen. Kopftuch samt Lehrerin wird aus dem Klassenzimmer verbannt.
Bei dieser Diskussion geht es letztlich um die Frage, welche Bedeutung dem Kopftuch in der Gesellschaft des jeweiligen “Ursprungslandes” (meist ein muslimisches Land) und unserer Gesellschaft zukommt. Ist es ein Symbol der Unterdrückung oder ein Symbol des Glaubens? Ist es ein Symbol der Verachtung der Werte unserer Kultur oder ein Symbol für das Recht auf freie Religionsausübung? Ist es ein Symbol für Frauen, die zu ihrem Glauben trotz Widerstand stehen oder ein Symbol für scheinheilige (männliche) Moral?
Die deutsche Journalistin Christiane Hoffmann hat selbst von 1999 bis 2004 in einem muslimischen Land, dem Iran, gelebt. In ihrem Buch “Hinter den Schleiern Irans” beschreibt sie ihre eigenen Erfahrungen mit dem Kopftuch und den Bekleidungsvorschriften. Sie zeigt in beeindruckender Weise, dass die Bedeutung des Kopftuchs selbst im Iran nicht eindeutig ist: “Während der Hedschab für den westlichen Betrachter vor allem ein Symbol der Unterdrückung der Frau im Islam ist, ist seine Bedeutung für die iranischen Frauen sehr viel weniger eindeutig, denn er ist zugleich Teil der eigenen Tradition, mit der jede Erinnerung verbindet.”
Am besten bringt es eine Iranerin auf den Punkt: In der Zeit des Schahs hätte eine Minderheit sie gezwungen, den “Hedschab” (arab. “Vorhang” oder “Schleier”) abzulegen, jetzt zwinge sie eine Minderheit, ihn anzulegen. Frauen hatten nie die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob sie das Kopftuch tragen wollten oder nicht.

Nicht nur in den ärmeren Schichten finden sich Muslima, die das Tragen des Kopftuchs befürworten, auch in den intellektuellen und reichen Schichten treten Frauen für das Kopftuch ein. Und es sind nicht die Ausnahmen. Auch der Islamwissenschaftler Alfred Hackensberger zeigt in seinem Buch “Lexikon der Islam-Irrtümer” auf, dass in der Debatte um das Kopftuch übersehen wird, dass das Kopftuch bei vielen muslimischen Frauen nicht als Zeichen der Unterdrückung, sondern als Zeichen der Befreiung und Selbstbestimmung gesehen wird.
Die Frage “Kopftuch: Ja oder Nein?” lässt sich eben nicht in einem schwarz-weiß Klischee beantworten.
- Ist es ein Zeichen der Unterdrückung? In vielen Gegenden der Welt “Ja”.
- Ist es kein Zeichen der Unterdrückung, sondern ein Zeichen eines gewollten Ausdrucks des Glaubens: In vielen Gegenden der Welt “Ja”.
- Ist es ein Symbol für scheinheilige (männliche) Moral? In vielen Gegenden der Welt “Ja”.
- Ist es ein Symbol für eine eigenständige Kulturidentität? In vielen Gegenden der Welt “Ja”.
Vielen Frauen wird mit dem Instrument einer falsch verstandenen Religion die “Hölle auf Erden” gemacht. Frauen werden unter dem Vorwand, Gott habe es ebenso gewollt, in Rollen und Unterwürfigkeiten gezwungen, die sprachlos machen, sie werden gedemütigt und entwürdigt. Das darf nicht geleugnet und relativiert werden. Hier bedarf es einer klaren, starken und scharfen Stimme, die sich für die Rechte und die Würde von Frauen einsetzt. Wir dürfen unsere Meinung aber auch nicht unreflektiert von den Medien und der Politik bestimmen lassen, die das Thema “Kopftuch” benutzen, um Emotionen zu schüren und uns zu einem politischen Instrument machen.
Afghanistan hat mit dem Thema “Kopftuch, Burka und Verschleierung” seine eigene Geschichte. Wenn Sie Hintergründe und Fakten zu diesem Thema aus Afghanistan haben, so schreiben Sie uns. Sie stammen selbst aus Afghanistan? Wie sehen sie das Thema “Kopftuch: Ja oder Nein?” aus afghanischer Sicht? Wie wird dieses Thema in Afghanistan wahrgenommen? Über ihren Beitrag freuen wir uns sehr.





