Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne
Kategorien: Menschen
Tags: Abschied, ADRA, Afghanistan, Alltag, Gedicht, Kabul
Es gibt Menschen, die haben einen sechsten Sinn für das richtige Geschenk im rechten Augenblick. Ich beneide sie darum. Da hat mir meine Schwester zum Umzug nach Afrika das Gedicht “Stufen” von Hermann Hesse mitgegeben. Ein wunderbares Geschenk, leicht und immer geniessbar. Wie oft habe ich das Gedicht schon gelesen, wenn wieder einmal ein Augenblick der Trennung auf unsere Familie zukam und jedesmal habe ich es getröstet wieder in seine Schutzhülle zurückgeschoben.
“…es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne…”
Oft habe ich mir diese Zeilen in Erinnerung gerufen, seit ich in Afghanistan lebe. Vor einem Jahr habe ich erstmals mit Erstaunen dieses Land unter der Sommerstaubschicht versucht hervorzukratzen und mich gefragt, wie man damit fertig wird.
“Das Herz bereit zum Neubeginne” — dieser Satz war der Schlüssel, um Abschiedstränen wieder wegzuwischen oder mit Widerwärtigkeiten fertig zu werden. Nächtlich knabbernde Mäuse und Badezimmer voller Kakerlaken. Sie sind jedenfalls verschwunden im Haus – ich habe sie überlebt!
“…und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben…”
Das Unbekannte ist immer verführerisch und man möchte mehr davon wissen – nach einem Jahr hat Kabul vollends die Burka abgeworfen und die Spannung ist dem Wissen um das Alltagsgesicht gewichen.

Der Anfangszauber ist wirklich ein Schutz, denn man kennt die Gefahren noch nicht. Inzwischen hat man mich gelehrt, immer die Umgebung genau zu beobachten, ob nicht jemand eine kleine Bombe an das Auto hängen möchte, ob nicht jemand plötzlich eine Waffe aus dem Ärmel hervorzieht oder ob man mich kidnappen möchte. In diesem neuen Wissen liegt kein Zauber, sondern ein neuer Alltag mit seinen Freuden und Sorgen und dem starken Willen zu überleben.
“…wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten…”
Heiterkeit ist auch die Gabe eines Künstlers – des Überlebenskünstlers! Wer nicht lachen kann, verpasst viel im Leben! Zum Beispiel in einem Kinderheim in Kabul: ADRA macht dort ein Projekt zur Ausbildung der Jungen in der Schreinerwerkstatt und der Schuhmacherei. Ein anderes Hilfswerk hat die Toiletten saniert – aber als die Jungen die Toiletten benutzen wollten, hat man gemerkt, dass keine Sickergrube vorhanden war. So hat ein anderes Hilfswerk die Grube gebaut – aber die Verbindung von diesen zwei wichtigen Bestandteilen war noch immer nicht da! Wenn das nicht zum Lachen ist, dann ist es wirklich zum Weinen! Die Jungen gehen immer noch auf das alte Plumpsklo.
“Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrere Zeit und darf nicht ewig dauern…”
Ich bin froh, dass ich nach dem Zauber des Neubeginns nun auch das Alltagsgesicht von Afghanistan sehen kann und ich danke Hermann Hesse, dass seine “Stufen” mir helfen, den Sinn und die Hände frei zu machen für einen Neubeginn. Jede Stufe hat mir seine eigenen, das Leben interessant machenden Blüten auf den Weg gestreut!
Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jdem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Es will uns Stuf’ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohland denn, Herz, nimm Abschied und gesunde.
(Hermann Hesse)





