Herat, Afghanistan: Das Reisebüro lässt bitten
Kategorien: Kultur
Tags: Afghanistan, Geschichte, Herat, Kultur, Reise, Sicherheit, Tourismus
“Das Würdevolle, Hochgeistige von Herat verleiht dieser etwas abseits liegenden Stadt ein ganz anderes Gepräge als dem übrigen Afghanistan.” So blumig beschreibt das afghanische Reisebüro “Great Game Travel”, was etwa “Großes Abenteuer Reisen” bedeutet, die Millionenmetropole Herat. Wenn es Geld zu verdienen gibt, gerät die Werbung auch in Afghanistan ins Schwärmen.
Im Hochglanzprospekt, das mir an Bord einer Maschine der Ariana Afghan Airlines in die Hände fällt, lese ich weiter: “Berühmt für die Dichter und Musiker, sind die Heratis auch besonders stolz darauf, dass sie ein gepflegtes und schönes Persisch sprechen. Von der Zitadelle Alexander des Großen hoch über der Stadt bis zu den Moscheen und Minaretten eines Tamerlan werden Besucher von den mittelalterlichen Denkmälern bezaubert sein, die über ganz Herat verstreut sind. Von Bäumen gesäumte Boulevards und großzügige Parks vollenden den Charme dieser Oase am Rande der Wüste.”

Dass in der erzkonservativen Provinz Herat auch ohne Taliban besonders viele junge Frauen versuchen, Selbstmord zu begehen, weil ihre Familien sie wie Sklavinnen halten, passt nicht in dieses Bild und wird natürlich auch nicht erwähnt. Es spricht für den unternehmerischen Wagemut der Afghanen, dass sie ihr Land wieder für den Tourismus erschließen wollen, obwohl Ausländer in manchen Provinzen äußerst gefährdet sind. Der Süden und der Südosten Afghanistans werden in den Reiseprogrammen ausgespart. Alle Touren beginnen und enden am Flughafen von Kabul, wo es von Militär und Sicherheitsleuten wimmelt.
Das Reiseprospekt garantiert auf der Zehntagetour für 1995 US-Dollar ein Höchstmaß an persönlicher Sicherheit. Wer bisher nur in Ägypten oder in der Karibik unterwegs war, muss sich hier auf Ungewöhnliches einstellen. “Unsere Mitarbeiter sind mit den Nuancen afghanischer Kultur vertraut”, heißt es. “Sie wissen, was man tun muss, um unerwünschte Aufmerksamkeit zu vermeiden.”
Um in Afghanistan sicher zu reisen, muss man stets die neuesten Informationen über die Lage vor Ort haben, um dann schnell reagieren zu können. Die Reiseführer sind mit Funkgeräten, Mobil- und Satellitentelefonen ausgestattet und lassen sich vor Reisebeginn bestätigen, eine Route “im letzten Augenblick” aufgrund der jeweiligen Situation und zur Sicherheit der Reisenden ändern zu können.
Dieser Artikel entstammt dem Buch “Afghanistan – Rosen, Mohn, 30 Jahre Krieg” von Fotojournalistin Ursula Meissner. Sie können dieses Buch bei ADRA bequem online bestellen und unterstützen damit die Herstellung und Verteilung einer Decke in Afghanistan.





