Glück haben und glücklich sein in Afghanistan
Kategorien: Menschen
Tags: Feier, Frauen, Gemeinschaft, Gleichberechtigung, Hochzeit, musik, Tanz, Verlobung
Seit ich in Afghanistan lebe, scheint mir, ich sehe mich oft mit den Augen der Menschen in diesem Lande. Ich bin eine privilegierte Frau. Ich habe nie einen Krieg erlebt. Ich habe keine Kriegstraumen. Ich durfte zur Schule gehen. Ich werde von meinem Mann nie geschlagen. Ich bin nie vergewaltigt worden. Mein Haus hat ein Dach, Fenster und eine Tür mit einem Schloss daran. Ich darf in die Schweiz reisen, um meine Lieben zu sehen, die eine Arbeit haben, selber nie einen Krieg erleben mussten, keine Gliedmassen durch alte oder neu gelegte Minen verlieren. In die Schweiz reisen, wo die vielen Banken sind, wo alle Menschen reich zu sein scheinen und demzufolge alle glücklich sein müssen. Und da stimmt leider ihr Bild nicht mehr. Glück hat viele Facetten – aber Glück haben und glücklich sein, das sind zweierlei Dinge!
Es stimmt, ich habe Glück gehabt, dass ich in einem Land geboren bin, wo ich nicht wie eine Ware als Teenager an einen 50 Jahre älteren Mann verkauft wurde. Aber viele Menschen auf dieser Welt durften sich ihren Ehepartner selber aussuchen und sind doch nicht glücklich geworden.
Vergangene Woche sind alle ADRA Angestellten zu einer Verlobung eingeladen worden. Als Ausländer waren wir die Ehrengäste unter ungefähr 500 Personen. Ich erinnere mich an unsere eigene Verlobung – wir Zwei sind alleine auf einen Berg gestiegen und haben dort gefeiert, was mein Onkel an der darauffolgenden kleinen Familienfeier so besungen hat: “Auf Säntis Höhen schmilzt der Schnee, dem Berg tut’s wohl bis an die Zeh, und oben steht ein junges Paar und schwört sich Treu für hundert Jahr…”
Die Feier hier war anders. Das Brautpaar hatte sich vor einer Woche zum ersten Mal gesehen. In einem Monat werden sie heiraten. Ich hatte die Ehre, direkt neben der Braut am Tisch zu sitzen. Sie haben keine Blicke ausgetauscht, sich nie berührt und kein Wort miteinander gesprochen. Von diesem Verlobungstag an ist es dem Bräutigam gestattet, seine Braut zu besuchen. Jetzt beginnt ihre Zeit des Kennenlernens.
Ob sie wohl glücklich werden? Ich wünsche es ihnen von ganzem Herzen, denn ich kenne die Geschichte des zukünftigen Ehemannes: Als man ihm vor acht Jahren eine Braut gekauft hatte, kam sein jüngerer Bruder von Pakistan zurück, wo ein unvorsichtiger Lastwagenfahrer ihn auf dem Gehsteig angefahren und er dabei ein Bein verloren hatte. Es war nicht der heldenhafte Verlust durch eine Mine, sein Leben schien nicht mehr lebenswert. Da hat sein älterer Bruder gesagt: “Du hast nun eine Frau nötiger als ich, ich gebe sie dir.” Sie ist eine wunderschöne, lebhafte junge Frau. Jetzt hat sie drei Kinder vom jüngeren Bruder, sie scheint eine glückliche, angebetete Frau zu sein.
Die Familie hat acht Jahre gespart, bis sie wieder eine Braut kaufen konnten. Der Bruder hat gewartet und das Glück seines Bruders vor sein eigenes gestellt. Einer von unserem ADRA Team hat einmal den jüngeren Bruder gefragt, ob er seine Frau liebe. Der erschrockene Ausdruck auf seinem Gesicht sagte: “Welch eine Frage! Sie ist meine Frau, sie schaut gut zu den Kindern und zu mir, ich gebe ihr alles, was eine Frau braucht, Schutz vor andern Männern, finanzielle Sicherheit, schöne Kleider, schönen Schmuck, ein schönes Heim und ich bin ihr treu. Wir streiten uns nicht, wir helfen einander, dieses Leben zu ertragen. Ist das die Liebe, die du meinst? Oder versteht ihr aus dem Westen etwas anderes darunter? Täusche dich nicht, Mann aus dem Westen, man kann sich auch nach der Trauung lieb gewinnen, wenn man es will. Wir lösen unsere Probleme, wenn nötig, mit Hilfe der ganzen Familie. Erzählt uns nicht, dass ihr es besser macht.” Sein verlegenes Lachen und seine leuchtenden Augen sprachen Bände.
Es ist keine arme Familie, sie haben für die Verlobung ein eigens dafür konzipiertes Hotel gemietet. Männer und Frauen feiern in verschiedenen Räumen. Das Brautpaar sitzt bei den Frauen und isst dann in einem kleineren Nebenraum. Nach dem Essen wird die Spannung plötzlich groß im Saal, man merkt wie es knistert. Tanz ist angesagt. Ich war schon in verschiedenen Ländern zu Verlobungen oder Hochzeiten geladen, aber ich habe noch nie eine solch subtile Sensualität erlebt, wie sie diese sich rhythmisch biegenden und wiegenden asiatischen Tänzer ausstrahlen, seien es nun Frauen oder Männer. Ich hatte davon gelesen, nun hatte ich es erlebt. Das alles verstecken sie hier im Alltag unter der Burka, aber sie fibrieren in Erinnerung und Vorfreude auf das nächste Fest.
Die jungen Frauen sind in ihren langen Kleidern wunderhübsch angezogen, die dichten, dunklen Haare in kunstvollen Kurven aufgesteckt, kein Tuch bedeckt sie innerhalb der Familie. Die Augenpartien bemalt und kleine Sternchen sind auf die langen Wimpern geklebt. Die Haut ist leicht gepudert und am Hals und den Ohren glitzern breite, fein ziselierte Geschmeide. Die Musik wird immer rhythmischer, die Bewegungen geschmeidiger und aufreizender. Tanz ist ein Bestandteil ihrer Kultur, ihres Ausdrucks der Lebensbejahung, Frauen werden an diesem Können gemessen.
Hinten in der Ecke sitzen die alten “Bibis”, die Grossmütter. Sie tragen die weissen Kopftücher und registrieren jedes Mädchen, das vorne tanzt. Das ist der Ausstellungsraum für angehende Bräute: Benimmt sie sich angemessen? Kann sie sich wiegen und wenden und ihre Hände in wirkungsvollen Bewegungen zur Geltung bringen? Oder ist sie wie jenes Mädchen, das von ihrer Mutter grob von der Tanzfläche gezogen wurde, weil es zu nahe an den Jungen kam, der ausnahmsweise auf der Tanzfläche der Frauen ein Solo tanzen durfte? Wehe dem, der kein gutes Benehmen vorweisen kann!
Ich bin völlig versunken in diese Faszination. Nun erscheinen auch verheiratete Frauen auf der Tanzfläche, sie wiegen sich noch gekonnter auf der Fläche und nun weiß ich plötzlich, wieso der jüngere Bruder so glücklich ist mit seiner Frau und er gar nicht weiß, was wir meinen, wenn wir fragen, ob er sie liebe. Jederman ist völlig gebannt von ihrer Grazie – der jüngere Bruder steht ganz hinten an der Tür und beobachtet seine wunderschöne Frau – er darf es, er gehört zur engsten Familie – aber er hat nur ein Bein und wird sich nie mehr den Klängen der aufreizenden Musik hingeben. Die anderen Männer tanzen im unteren Stock ebenfalls unter sich, mit derselben Selbstverständlichkeit und dem Selbstbewustsein, das schöne Menschen mit sich herumtragen.
Es hat wohl schon seine Richtigkeit, dass die Frauen unter sich tanzen – denn plötzlich werden wir zwei ADRA Mitarbeiterinnen auf die Fläche geschoben und begeistertes Klatschen begleitet die Rhythmen, unter denen wir uns wohl recht viel weniger grazil bewegen, als alle anderen. Aber wir haben dem Brautpaar so die gebührende Ehre erwiesen und dafür danken sie uns mit ihrem begeisterten Applaus. Wir werden verküsst und unsere Wangen sind voll roter Lippenstiftabdrücke die sie uns sogleich wieder abreiben. Eine Herzlichkeit und Wärme schwappt uns entgegen, wie wir sie schon oft auch im afghanischen Alltag erlebt haben, nur jetzt in der Festtagsfreude noch viel verstärkter.
Wir verstehen nun , woher diese Menschen immer wieder ihre Lebensfreude und Stärke nehmen – nämlich aus Familie, Tradition, dieser ausdrucksstarken Freude am Beisammensein und der Bewegung, diesem Bewusstsein, dass man nicht alleine ist. Man hat einen Bruder, der einen nicht im Stich lässt, wenn man in Not ist.
Aber da ist leider auch die ganz andere Seite – die dunkle Seite in diesem Volk. Man spürt sie in den Rhythmen, in der Kraft der Bewegungen, die manchmal beinahe einer Bedrohung gleichkommen. Sie ist versteckt und unterschwellig, aber man spürt, dass da etwas ist, das man lieber nicht wissen möchte. Diese kämpferische, unverzeihende, rachsüchtige, gnadenlose Seite. Jene Seite, die das Frauenministerium daran denken lässt, Frauenhäuser zu eröffnen, damit junge Mädchen und misshandelte Frauen eine Zufluchtsstätte haben. Viele – und ich zähle mich dazu – finden jedoch, dass die Zeit dafür noch nicht gekommen ist. Man kann ein “Safe-House” nicht geheimhalten in einer solchen Gesellschaft und damit wird die Situation noch bedrohlicher für eine durchgebrannte Frau.
Hat eine Fraue eine Nacht ausser Haus verbracht, ist der Mann dazu berechtigt, sie zu verstossen – auch jetzt noch, nachdem das Land sich zu einer Konstituion durchgerungen hat. Und was macht das 16-jährige Mädchen, das den 70-jährigen Mann nicht heiraten will? Keine ehrbare Familie will eine entlaufene Braut. Der Weg zur Eigenbestimmung ist noch lange und steinig und hoffentlich schlägt das Pendel nicht zu sehr auf der engegengestzte Richtung aus, denn Krieg hatten wir zur Genüge in Afghanistan. Was wir brauchen, ist der Mut, über Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen – unsere Vorfahren mussten das auch erst lernen.
Die Lehrer, die Mullahs, die Männer müssen wir ansprechen. Die Eltern, die Mädchen, die jungen Männer aufklären, dass eine Frau keine Ware ist, sondern eine ebenbürtige Partnerin, ein Geschenk von Allah.Viele Männer haben Angst, umsomehr, als jetzt für Frauen viele Weiterbildungsmöglichkeiten angeboten werden, sie aber oftmals selber nicht lesen und schreiben können. Ich muss herausfinden, ob dort, wo wir Frauenkurse organisieren auch gleichzeitig unter den Männern Interesse vorhanden wäre für einen Alphabetisierungs- oder anderen Kurs – mit einem “fächerübergreifenden” Stundenplan. Das wäre eine Möglichkeit in die gute Richtung.
Wir wollen versuchen, den Anfang des gordischen Knotens zu finden, um ihn besser lösen zu können. Unsere Wertvorstellungen von Liebe und Glück können wir nicht vom Westen importieren. Glücklichsein hingegen ist erlernbar. Sind wir denn so sicher, dass wir wissen, wie Liebe und Glück aussehen und wie sie uns auch nicht wieder so bald entgleiten? Es lohnt sich, darüber nachzudenken.





