Finstere Mathematik und die Hilfe der Kinder
Kategorien: Menschen
Tags: ADRA, Afghanistan, Bildung, Erziehung, Hilfe, Hoffnung, Kinder, Unterricht
“Wenn Dein Vater drei Männer erschiesst und Dein Nachbar fünf, wieviele Tote liegen dann auf der Strasse vor Deinem Haus?”
Wie haben die Eltern während der Talibanzeit auf solche Hausaufgaben ihrer Kinder reagiert? Was konnte eine einfache afghanische Frau gegen einen solchen Terror überhaupt tun? Eine Frau die weder lesen, schreiben noch rechnen konnte? 87 Prozent der Frauen in Afghanistan sind auch heute noch analphabetisiert und ohne jegliches Mitbestimmungsrecht. Ich sehe sie vor meinem inneren Auge, die lebhaften, lernbegierigen Schwarzschöpfe und ihre erstaunten, kopfschüttelnden Mütter.
Haben die Mütter gar nicht geahnt, was da in die Seelen ihrer jungen Söhne eingegraben wurde? Haben sie auf eine bessere Zukunft für ihre Kinder gehofft, wie die meisten Eltern? Karriere, Ehre, Macht, Reichtum – und genügend Essen für die ganze Familie. Die Ärmsten der Armen hatten kein Geld, um dieser Terrorausbildung zu entfliehen. Mich schaudert.
Diese Woche haben wir einen Container von ADRA Dänemark bekommen, der so schnell wie möglich entladen werden musste – wir waren nur 4 Leute – hin und her, rauf und runter rannten wir. Die Schweisstropfen brannten uns in den Augen und perlten den Rücken hinunter. Doch plötzlich schwirrten ein Dutzend kleiner Heinzelmännchen zwischen unseren Beinen hindurch und schleppte Schachtel um Schachtel in unseren Ablageraum. Ich kam kaum nach, die Pakete ordentlich zu stapeln.

Die ganze Kinderschar unserer Strasse hatte sich eingefunden und half mit Begeisterung, den Container zu entladen. Afghanische Kinder sind wirklich sehr lebhaft und begeisterungsfähig und ein kleiner Funke genügt, um aus ihnen entweder eine frohe Helferschar zu machen oder eine Horde wilder Kämpfer. Ich bin froh, dass sie noch nicht zur Schule gingen, als man im Mathematikunterricht noch mit Toten rechnete!
Sie schleppten die grössten Schachteln herbei, riefen mir jedesmal ein fröhliches “How are you?” zu und lachten wie kleine Spitzbuben, wenn ich auf Dari antwortete. Welch unglaubliches Potential da vorhanden is! Ich hoffe, dass ihre jungen Herzen noch nicht zu viele Leidensspuren haben.
Die größte Bedeutung in der Erziehung messen afghanische Eltern dem guten Benehmen zu. Darunter verstehen sie Höflichkeit, Respekt, Gastfreundschaft. Das sind die drei Hauptpfeiler der Erziehung. An zweiter Stelle stehen Mut und dann kommen in folgender Reihenfolge religiöses Wissen und Glaube, Verantwortlichkeit, Gesundheit, Reinlichkeit, dann Gefühle wie Glück und Hoffnung und positive Beziehungen, speziell innerhalb der Familie.
Es ist interessant zu sehen, dass die Religion eine zentral Stellung einnimmt. Kindern bringt man bestimmte Gebete bei, die sie als wichtiges Werkzeug benutzen, um mit Gefahrmomenten umgehen zu können, wie Gespenstern auf dem Friedhof oder Bombenanschlägen. Seit frühester Kindheit wird ihnen eingeprägt, dass Leiden, Risiken und Gefahren einen unausweichlichen Teil des Lebens ausmachen und man ermuntert die Kinder, diese mutig zu akzeptieren und als herausfordernden Teil des Lebens anzunehmen.
“Starke Eltern haben starke Kinder” sagen die Afghanen, und “Neue Sorgen vertreiben die alten.” Es ist wohl diese absolut positive Einstellung zum Leben, die die Afghanen immer wieder dazu treibt, neu zu beginnen, ob nun das Ziel in unseren Augen erstrebenswert erscheint oder nicht.





