Es gibt keine ADAC-Hubschrauber in Afghanistan

Artikel geschrieben von am 22. Oktober 2008
Kategorien: Hilfsprojekte
Tags: , , , , , , , , ,

Es ist dunkel, pechschwarze Nacht. Der UAZ-Jeep, in dem mein Fahrer, mein Übersetzer und ich sitzen, kämpft sich durch das Gelände. Wir werden durchgeschüttelt, manchmal hebt es uns sogar leicht aus dem Sitz. Ich bewundere meinen Fahrer, der mit stoischer Ruhe in das Nichts fährt. Wir sind müde und erschöpft, waren den ganzen Tag in den Bergen, um Dörfer zu besuchen, die von der Außenwelt abgeschnitten sind.

Kurze Zeit später erreichen wir die Landstraße, endlich wieder eine normale Fahrbahn. Nur die Scheinwerfer unseres UAZ beleuchten die Straße vor uns, sonst ist nichts zu sehen.

Plötzlich erkennen wir ein schwach beleuchtetes Fahrzeug auf der Straße stehen. Mein Fahrer hält an und steigt aus, mein Übersetzer und ich folgen ihm. Es hat einen schweren Unfall gegeben. Ein Fahrzeug war unbeleuchtet, der andere Fahrer hat es zu spät gesehen. Auf der Straße liegt ein Mädchen, ich schätze, es 14 Jahre alt. Es wimmert und stöhnt vor sich hin, schreit auf, als Männer sie aufheben wollen.

Die Männer wissen nicht, wie sie das Mädchen transportieren sollen. Das nächste Krankenhaus mit Arzt und Operationssaal ist in Mazar-e-Sharif. Das sind ungefähr hundert Kilometer. Um uns herum stehen nur einfache PKWs, man könnte das Mädchen nur auf die Rücksitzbank legen. Aber bei ihrem Zustand? Ich biete an, sie in unserem Geländewagen zu transportieren. Hier kann sie sich wenigstens auf den Boden legen. Ob sie die Fahrt übersteht, wage ich gar nicht zu denken.

In Deutschland ist bei einem Unfall der ADAC-Hubschrauber in wenigen Minuten vor Ort 

In Deutschland ist bei einem Unfall der ADAC-Hubschrauber in wenigen Minuten vor Ort.© Flickr/gabesk

“Wo ist bloß der ADAC-Hubschrauber?”, denke ich mir. In Deutschland sind in solchen Fällen Polizei und Rettungsdienst sofort zur Stelle. Ein Notarzt kommt mit Blaulicht angefahren, der Rettungshubschrauber wird geholt. Hier liegt ein Mädchen, dass in Deutschland vielleicht ohne Luftrettung überlebt hätte. Hier stirbt sie, weil es weit und breit keinen Arzt, keine Klinik, kein Krankenhaus gibt – nicht einmal einen Rettungswagen. In diesem Moment wird mir wieder einmal die Gefahr bewusst, in der ich hier in Afghanistan lebe.

Plötzlich raunt mein junger Übersetzer - er ist erst zwanzig Jahre alt - zu uns: “Dangerous, dangerous, lets go, lets go!” — “Es ist gefährlich hier, lass uns gehen!” Ich nehme die Worte ernst, mein Übersetzer muss die Situation als Einheimischer um vieles besser kennen. Ausländer haben sich immer wieder über Ratschläge der Einheimischen besserwisserisch hinweggesetzt. Nicht immer ging das für die Ausländer gut aus. Mit einem unguten Gefühl versuche ich, mich höflich zu verabschieden, versuche zu erklären, warum wir nicht helfen können. Schnell gehen wir zum Fahrzeug.

Wir setzen uns in Bewegung und erst nach einigen Minuten kann ich meinen Übersetzer fragen, was denn so gefährlich gewesen wäre. “I was afraid” – Ich hatte Angst. Mühsam entlocke ich ihm den Grund, warum wir uns so schnell entfernt haben. Er hatte nicht Angst vor einem Überfall, sondern das Unfallgeschehen, das Blut, das weinende Mädchen, das Chaos machte ihm Angst.

Ich bin wütend, ich ärgere mich. Minutenlang sitze ich da, sage kein Wort, bin einfach nur sauer. Da liegt ein Mädchen auf der Straße und kämpft um sein Leben und mein Übersetzer “hat nichts Besseres zu tun, als aus egoistischen Gründen zu verschwinden”. Erst nach einiger Zeit beruhige ich mich, “vielleicht wäre die Situation für uns schwierig geworden”, sage ich mir, “wenn das Mädchen in unserem Fahrzeug gestorben wäre. Vielleicht hatte mein Übersetzer doch recht.” Ich weiß es nicht.

Als wir kurz vor Robatäk sind, regnet es. Der Scheibenwischer versucht mehr schlecht als recht, den Regen von der Scheibe zu wischen. Durch die verschwommene Windschutzscheibe sehe ich einen Rettungswagen, der an uns vorbeifährt. Sie haben also doch noch einen Rettungswagen aufgetrieben. Aber es werden mehr als zwei Stunden vergehen, bis das Mädchen in einem Krankenhaus liegt.

Wir haben uns in Deutschland, Österreich und der Schweiz an ein gut funktionierendes Rettungswesen gewöhnt, vertrauen auf hochprofessionelle Ärzte und ein zuverlässiges Krankenhaussystem. Das ist gut so. Afghanistan ist noch Jahre davon entfernt – helfen Sie mit, damit es besser wird.



Leserbrief schreiben: