Armut in Afghanistan: Eine Garage als Zuhause
Kategorien: Menschen
Tags: Afghanistan, Arbeit, Armut, Geld, Haus, Kinder, Leben, Menschen, Wohnung
Zuerst hatte ich es nicht bemerkt. Wer schenkt einer Garage, die scheinbar immer verschlossen ist, schon besondere Aufmerksamkeit?! Ich war erst seit einigen Tagen in Kabul und so war die Garage auf dem Grundstück von ADRA Afghanistan nichts besonderes.
Als ich eines Tages zu einem Meeting gehen musste und auf das Taxi wartete, stand die Garagentür offen und Kinder rannten aus der Garage auf die Straße. Als sie mich sahen, konnte man ihren kleinen grauen Zellen entnehmen, dass sie bei mir Süßigkeiten oder irgendetwas anderes Leckeres vermuteten, das ich ihnen geben würde. Leider war ich nicht darauf vorbereitet und so gingen sie leer aus.

In der Garage lebte eine ganze Familie, Großeltern, Eltern, Kinder. In der Mitte hing ein Vorhang, hinter dem man sich umziehen konnte und – wie man mir sagte – in der Nachts die Frauen schliefen. ADRA Afghanistan hatte das Grundstück zwar gemietet, aber der Vermieter hatte auch die Garage “geschäftstüchtig” zusätzlich an eine Familie vergeben.
Durch die ungeheure Armut in Afghanistan spielt sich auch in Kabul ein Phänomen ab, dass man in allen Ländern beobachten kann, die unter Armut leiden: Die Armen ziehen in die großen Städte auf der Suche nach Arbeit. Afghanistan hat durch den Krieg alles verloren. Auf dem Land gibt es kaum Möglichkeiten, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Der einzige Ort, wo man sich noch Einkommen erhofft, sind die Städte.
So ziehen diese Arbeitssuchenden samt Familie unter anderem in die afghanische Hauptstadt Kabul. Viele von ihnen sind Tagelöhner, die sich in der Frühe an bestimmten Punkten in der Stadt aufstellen – meist einem Kreisverkehr – und dort auf Leute warten, die ihnen Arbeit anbieten. Glücklich, wer da noch eine Garage als “Wohnung” erhaschen kann. Trotzdem versucht mancher Vermieter trotz dieser schwierigsten Umstände noch den letzten Tropfen Geld aus den Mietern “herauszupressen”.
In den nächsten Tagen hatte ich immer etwas in meiner Tasche, wenn ich aus dem Haus ging. Meist waren es Süßigkeiten, ein anderes Mal ein Kugelschreiber, ein Block. Für mich nichts Außergewöhnliches, für die Kinder aber ein kleines Fest der Freude.
Eines Tages war die Familie verschwunden. Es hatte etwas mit dem Vermieter zu tun, sagte man mir. Genaueres wusste man nicht. Die Garage blieb leer. Ich war traurig und frustriert. Es war die Ohnmacht, dass man ohne finanzielle Unterstützung zusehen muss, wie die Ärmsten der Armen immer wieder Opfer werden.





