Geschichte

Heinz Metlitzky
Der ehemalige ZDF-Auslands-korrespondent und Ehemann von Fotojournalistin Ursula Meissner arbeitete seit Mitte der 50er Jahre als Fernsehjournalist, zunächst beim Süddeutschen Rundfunk. 1970 baute Heinz Metlitzky das Nahost-Studio des ZDF in Beirut auf, das er zehn Jahre lang leitete. Er berichtete in den 80er Jahren vor allem für das auslandsjournal und heute aus Indien und Afghanistan, wo er immer wieder die Mudschahidin begleitete. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien war sein letzter Korrespondenteneinsatz. Heute lebt er zurückgezogen in der Nähe von Mainz.
1747 Der Perser Nadir Schah, der auch über Teile des heutigen Afghanistans gebietet, wird ermordet. Der Führer seiner Leibwache, Ahmed Durrani, einigt die Stämme der Paschtunen, Tadschiken, Hasara, Usbeken, Kirgisen und Turkmenen. Er wird der erste Schah genannte König eines Landes, das damals noch Khorasan heißt. Für die Afghanen beginnt damit die Geschichte ihres heutigen Staates.

Im ersten Jahrhundert nach seiner Gründung wird dieses Afghanistan geprägt von Kriegen gegen Indien und Persien und von Rebellionen seiner Stämme. Das Land wird sogar vorübergehend wieder geteilt. Danach wirken sich das Streben Russlands nach Zugang zum Indischen Ozean und das Bemühen Englands, seine Kronkolonie Indien abzusichern und Russland keinen entscheidenden Einfluss auf Afghanistan zu erlauben, für das strategisch wichtige Land verheerend aus.

1838–1842 Der Empfang einer Delegation des Zaren in Kabul führt zum ersten afghanisch-britischen Krieg. Englands Versuch scheitert, Afghanistan zu besetzen und es Indien einzuverleiben. In der afghanischen Hauptstadt werden der britische Gesandte und ein von den Briten eingesetzter König ermordet.

1878–1880 Zweiter afghanisch-britischer Krieg. Diesmal sind die Engländer militärisch besser vorbereitet. Afghanistan muss seine Außenpolitik den Engländern überlassen, es wird de facto britisches Protektorat. Der Süden Afghanistans wird indische Kronkolonie.

1893 Afghanistan wird zur Anerkennung einer nur ungefähr festgelegten Grenzlinie im Süden und im Osten gezwungen. Sie heißt nach dem damaligen Außenminister der britischen Verwaltung in Indien, Sir Henry Mortimer Durand, bis heute die Durand-Linie. Sie führt mitten durch das Siedlungsgebiet der Paschtunen. Das heutige Pakistan hat die Durand-Linie übernommen. Afghanistan erklärt sie für ungültig und beansprucht Paschtunengebiete in Pakistan. Die Grenze wird von beiden Staaten nicht gesichert, es gibt nur wenige Übergänge. Einer davon ist der Khyberpass.

1919 Dritter afghanisch-britischer Krieg. Er wird von den Afghanen begonnen und dauert einen Monat. Mit Unterstützung der neuen Sowjetunion kann sich Emir Amanullah gegen die Engländer behaupten. Afghanistan bekommt seine Gebiete zurück und wird im August 1919 unabhängig. Deshalb ist der 19. August Nationalfeiertag.

1921–1928 Mit König Amanullah gewinnt Afghanistan internationales Ansehen. Während des folgenden halben Jahrhunderts schließt Afghanistan zahlreiche Abkommen mit der Sowjetunion, um erneuten britischen Einfluss zu verhindern. Der weltoffene Amanullah besucht Europa. In Berlin fasziniert ihn besonders die U-Bahn. Schon Anfang der 20er-Jahre bauen deutsche Ingenieure in Kabul zahlreiche moderne Gebäude. Beim Bau des Darul-Aman-Palastes bilden sie hunderte einheimischer Fachkräfte aus.

1929 Amanullah scheitert mit dem Versuch einer europäisch orientierten Reformpolitik. Vor allem, weil er den Schleierzwang für Frauen abschafft, Zwangsheiraten und die Vielehe verbietet, wird er von den Konservativen abgesetzt. Das führt zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Land. Neun Monate lang herrscht ein Bandenführer von dem behauptet wird, er habe von den Engländern Waffen und Geld bekommen.

1933 Amanullahs legaler Nachfolger, Mohammed Nadir, wird 1933 ermordet. Dessen Sohn, Mohammed Sahir, beschert dem Land eine ungewöhnlich lange, ruhige Periode. Er ist innen- und außenpolitisch um eine ausgewogene Politik bemüht.

1973 Militärputsch, geführt von Mohammed Daoud, dem Schwager des Königs. Mohammed Sahir dankt ab. Daoud erklärt Afghanistan zur Republik.

1978 Staatsstreich der kommunistischen Partei. Der bisherige Ministerpräsident wird ermordet. Der kommunistische Schriftsteller Nur Muhammad Taraki wird die Nummer eins im Staat. Nummer zwei wird der ebenfalls ultralinke Lehrer Hafizullah Amin. Afghanistan wird Volksrepublik und Verbündeter der Sowjetunion. Der amerikanische Präsident Jimmy Carter unterzeichnet eine geheime Anweisung zur Unterstützung aller Antikommunisten in Afghanistan. Sie bekommen großzügig Waffen und Geld.

1979 Die Russen können Machtkämpfe in Kabul nicht verhindern. Taraki wird vermutlich auf Amins Befehl hin ermordet. Bei der sowjetischen Invasion in Afghanistan wird Amin bei der Erstürmung des Regierungssitzes durch sowjetische Truppen erschossen. Es beginnt der Guerillakrieg der Gotteskrieger, der Mudschaheddin, gegen die Rote Armee und die Soldaten der afghanischen, kommunistischen Regierung. Basis der Mudschaheddin ist Pakistan. Auch die Taliban, in der Hauptsache sind sie Koranschüler aus Pakistan, gehören zu den Mudschaheddin und ebenso viele Saudis, unter ihnen der noch unbekannte Osama bin Laden. Täglich schießen die Gotteskrieger einen russischen Hubschrauber ab, dank handlicher Raketen der Amerikaner und der Briten.

1988 Die Verluste der Roten Armee werden immer größer. In Moskau regiert jetzt Michail Gorbatschow, der von Anfang an gegen den Einsatz des Militärs in Afghanistan war. Er verfolgt eine Politik der Öffnung, die man »Perestroika« nennt. In Genf wird schließlich ein Friedensabkommen zwischen den USA, der Sowjetunion, Afghanistan und Pakistan geschlossen.

1989 Abzug der sowjetischen Truppen. In Kabul hält sich aber eine Linksregierung unter Muhammed Nadschibullah. Gegen ihn führen die Mudschaheddin weiter Krieg. Gleichzeitig befehden sie sich untereinander.

1992 Ein Teil der Gotteskrieger bildet eine Regierung, andere Mudschaheddin machen ihnen die Macht streitig. Im Land herrscht Bürgerkrieg. Um die Hauptstadt Kabul wird besonders erbittert gekämpft. Es gibt Zehntausende von Opfern und Kabul wird von den eigenen Leuten verwüstet.

1996 Das Chaos nutzen die Taliban. Unterstützt von Pakistan und Saudi-Arabien erobern sie innerhalb kurzer Zeit Afghanistan bis auf einen kleinen Landstrich im äußersten Norden. Die Regierung der Taliban wird nur von Pakistan, Saudi-Arabien und den Golf-Emiraten anerkannt. Ihr fanatischer Moslemstaat erregt wegen der öffentlichen Steinigung angeblicher Ehebrecherinnen und wegen des Verbots von allem, was sie als westlich verderbt ansehen, weltweite Abscheu. Sie lassen aber auch ihre eigenen Leute öffentlich auspeitschen, wenn diese korrupt sind, und bestrafen Diebe öffentlich mit dem Abhacken einer Hand. Das verschafft ihnen bei der Bevölkerung gewisse Sympathien als Garanten einer öffentlichen Sicherheit nach chaotischen Jahrzehnten.

1997 Die Taliban gestatten Osama bin Laden und seinen Al-Qaida-Terroristen in Afghanistan Trainingslager einzurichten, in denen fanatische Moslems aus zahlreichen Ländern an modernen Waffen und im Umgang mit Sprengstoff ausgebildet werden.

2001 Am 9. September verüben die Taliban auf ihren Erzfeind im Norden, den legendären Mudschaheddinführer Ahmed Schah Massud, durch ein angebliches Kamerateam ein tödliches Attentat. Das FBI ermittelt, dass die Kamera in Frankreich gestohlen worden war.

2001 Nach den Flugzeugattentaten am 11. September auf das World Trade Center in New York greifen die USA und Großbritannien in Afghanistan militärisch ein, unterstützt von den ehemaligen Mudschaheddin. Die Taliban werden vernichtend geschlagen, viele flüchten nach Pakistan. In Kabul wird von den Amerikanern eine Interimsregierung
eingesetzt.

2001 Internationale Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn. Mit den Vereinten Nationen wird die rechtliche Voraussetzung für die Stationierung internationaler Truppen zur Unterstützung der afghanischen Regierung geschaffen. Versprechen großzügiger internationaler staatlicher Hilfe für einen umfassenden Wiederaufbau, aber keine bindenden Zusagen.

2001 Der Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen billigt den Einsatz der ISAF (International Security Assistance Force) in Afghanistan. Auch deutsche Soldaten gehören der Schutztruppe an. Die Amerikaner unterhalten eine eigene Antiterrortruppe im Land unter dem Namen Enduring Freedom (dauerhafter Frieden).

2003 Die NATO (Nordatlantik-Vertrag) übernimmt die Führung von ISAF. Im Herbst 2007 sind Soldaten aus 37 Nationen im »Friedenserzwingenden Einsatz« in Afghanistan.

2004 Ein Rat der Ältesten (Loya Jirga) verabschiedet eine Verfassung für Afghanistan. Sie bringt Gleichberechtigung der Frauen, Meinungsfreiheit, Verurteilung von Terrorismus und Drogen, Präsidialdemokratie, Volkswahl des Staatspräsidenten.

2004 Der Paschtune Hamid Karzai wird mit 55,4 Prozent der Stimmen Staatspräsident. Um alle Afghanen miteinander auszusöhnen, ernennt er neben ehemaligen Führern der Mudschaheddin auch Drogenhändler zu Ministern.

2005 Parlamentswahlen. Von 249 Abgeordneten sind 68 Frauen.

2007 Sechs Millionen Kinder, immerhin die Hälfte aller Kinder in Afghanistan, gehen zur Schule. Sie müssen oft im Freien unterrichtet werden, denn es gibt zu wenig Schulgebäude und zu wenig ausgebildete Lehrer, die oft nur dreißig Euro im Monat bekommen.

2007 Internationale Kritik an unzureichender ziviler Hilfe für den Wiederaufbau in Afghanistan. Die Regierungen sollen den NGOs genannten Hilfsorganisationen (Non Government Organizations) größere Aufgaben überlassen. Die westlichen Regierungen setzen jedoch verstärkt auf sogenannte »Militärische Wiederaufbau-Teams« (PRT), von deren Tätigkeit sie sich die Sympathie der Afghanen für die fremden Soldaten versprechen.