Afghanistan
Als ich im Frühjahr 1986 mit den Mudschaheddin vom pakistanischen Peschawar aus den Khyberpass in Richtung Afghanistan überquerte, ahnte ich noch nicht, dass dies die erste von bis heute 16 Reisen nach Afghanistan sein sollte. Seit fast zwanzig Jahren bin ich inzwischen als Fotografin in allen Kriegs- und Krisengebieten auf diesem Planeten unterwegs, doch nirgendwo war ich so oft und mit keinem Land, das ich bereist habe, fühle ich mich so verbunden wie mit Afghanistan.
Meine erste Wanderung über die Bergkämme des Hindukusch durch Dschalalabad und die zerstörten Dörfer im Hinterland der Provinz Kabul verdanke ich dem legendären Abdul Hack, der kurz vor unserem Aufbruch meine Hosenbeine hochkrempelte, meine Waden begutachtete und entschied, dass ich mitgehen dürfe, meine Beine würden das schon aushalten. Widersprochen hat keiner der versammelten Mudschaheddin, wenngleich offensichtlich war, dass es ihnen nicht wirklich zusagte, den 14 Tage dauernden Marsch in Begleitung einer Frau zu machen.
Diese Reise war es, die mich direkt und unvermutet mit einem Land konfrontierte, dessen Intensität und Schönheit ich so nicht erwartet hatte. Meine männlichen Begleiter entwickelten im Laufe der Zeit eine gewisse Fürsorge für mich und nach und nach lernte ich einiges über das Leben dieser »Gotteskrieger«. Die meisten waren einfache Handwerker und Bauern, die weder lesen noch schreiben konnten, geschweige denn englisch sprachen, was die Kommunikation mühsam machte. Viele von ihnen waren durch den Einmarsch der Sowjets aus ihrem gewohnten Leben gerissen worden und hatten ihre Familien schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Doch religiöse Fanatiker traf ich damals keine. Vielmehr kämpferische, stolze Menschen, die ihr Leben selbst bestimmen und sich keiner fremden Macht fügen wollten.

Afghanistan ist ein unvergleichlich schönes Land. Nirgendwo sonst habe ich so gewaltige Naturschauspiele gesehen wie am Hindukusch. Doch es sind vor allem die Menschen, die Afghanistan so besonders machen – ihre Hilfsbereitschaft, die Würde mit der besonders die Frauen selbst dem größten Elend trotzen und die Energie, mit der sie wieder und wieder von vorne anfangen. Sie leben mitten in einem Krieg, der zwar auf dem Papier beendet ist und der doch schon seit dreißig Jahren andauert, einem Krieg, der von fanatischen Islamisten auf der einen Seite und den unterschiedlichsten politischen Ideen und Machtansprüchen auf der anderen Seite immer wieder angeheizt wurde.
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Wohin die Entwicklung in Afghanistan in den nächsten Jahren gehen wird und ob der Schritt in eine moderne, friedliche Gesellschaft möglich ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich hoffe für dieses Land, von dem der Krieg so wenig übrig gelassen hat, dass es die Menschen sind, die im Mittelpunkt der Entscheidungen stehen, die die internationale Gemeinschaft für Afghanistan trifft, und dass sie die Chance bekommen werden, ihr Land wieder aufzubauen. Und vielleicht kann auch endlich wieder eine Generation heranwachsen, die weiß, was Frieden bedeutet.
Ursula Meissner, 20. Januar 2008





